|
Oberstleutnant Jürgen Wagenblast und Hauptmann Danilo Fritsch
Nach einem längeren ISAF-Einsatz kommt man
in sein Büro um seiner Nebentätigkeit nachzukommen.
Jeder kennt es: Das Postfach quillt über,
die LoNos sind meistens rot und oft überflüssig. Also löschen
was unwichtig ist. Doch halt, da gibt es eine Nachricht, die auf den
ersten Blick unwichtig erscheint, auf den zweiten Blick aber durchaus
einiges offenbart.
Mit Erstaunen lesen wir einen Artikel aus der Zeitschrift
Jet News, das Magazin des Verbandes der Besatzungen strahlgetriebener
Kampfflugzeuge der deutschen Bundeswehr (VBSK e.V.). Thema der Jet
News 1/2005: Woher nehmen, und nicht stehlen? TSO auf C-160.
In diesem Artikel zeigt sich der Verfasser (Jet??)
als überzeugter Verfechter der Klassengesellschaft und des Elite
Denkens und weist dabei dem Taktik-System-Offizier C- 160 ziemlich
deutlich seinen Stellenwert zu. Nun, wir sind überzeugt, dass
die in der Jet News geäußerte Meinung nicht mit der Meinung
der Mehrheit unserer Jet-Kameraden übereinstimmt. Absicht war
es wohl, eine breite Diskussion zu provozieren.
Wir stellen uns dazu. Schließlich wissen
wir, was wir wert sind und brauchen uns nicht zu verstecken.
Stellen wir es voran: Wir sind Taktik-System- Offiziere
(TSO). Wir fliegen auf C- 160 Transall. Wir sind Offiziere der deutschen
Luftwaffe. Wir sind in einer fliegerischen Verwendung tätig,
die aufgrund der politischen Entwicklung und daraus resultierenden
Einsätzen, ständig mit Personalmangel kämpft.
Schon in den 90er Jahren wurden den Transportverbänden
ehemalige WSO zugeschleust. Durch die Bank waren es hochmotivierte
und qualifizierte Kameraden, die sich ohne eine Klischee behaftete,
ausgeprägte Jet-Mentalität problemlos in den Kreis der Transporter
eingliederten. Im Gegenteil, wir haben ebenso von ihren Erfahrungen
profitiert und, nebenbei bemerkt, gemeinsam eine gute Zeit verbracht.
Oder denken wir zurück an die Einführung
der EloKa-Anlage in die Transall. Bei den ersten Balkan Einsätzen
wurden wir durch WSO begleitet. Auch hier führte die Zusammenarbeit
zum gewünschten Erfolg.
Die Entscheidung die Regeneration der Navigatoren/TSO
zu reduzieren und später gar ganz auszusetzen, führte zwangsläufig
zu Personallücken. So wurden die Verbände in den letzten
Jahren nur noch mit insgesamt 7 vollausgebildeten Navigatoren/ TSO
aufgestockt.
Dass diese Anzahl bei dem zu erwartenden Einsatzspektrum
der Transall nicht ausreichen würde, war schon bald zu erkennen.
Flugstunden von bis zu 400 hrs im Jahr, Überstunden von bis zu
700 hrs sammelten sich bei einigen Kameraden an. Denn, Überraschung,
die Einsätze wurden nicht nur mehr, sondern auch wesentlich gefährlicher.
Maschinen der Bundeswehr, Transall, wurden beschossen. Der Lufttransport
mittendrin. Wieder mal.
EloKa wurde zur Grundvoraussetzung, um Missions
durchzuführen, und damit auch der Navigator, jetzt TSO.
Regeneration und Wiederaufnahme der Ausbildung?
Fehlanzeige!!
Das geht jetzt schon seit Jahren so. Und dann kam
der Einsatz in Afghanistan. Zusätzliche Abwesenheiten von pro
Jahr bis zu 4 Monaten. Ganz nebenbei werden weiter Routineflüge,
Übungen und Lehrgänge und Zweitverwendungen dargestellt.
Der Schrei nach zusätzlichem Personal war schließlich so
laut, dass wieder geschult wurde WSO. Kameraden, die in der
Regel aus medizinischen Gründen nicht mehr Jettauglich waren.
Da diese freiwillig kamen, waren sie auch entsprechend motiviert und
positiv eingestellt und natürlich auch herzlich willkommen.
Probleme gab es hier nicht. Aber damit sind wir noch nicht über
dem Berg.
Seit September 2005 wird mit einem laufenden Umschulungslehrgang
der operativen Notwendigkeit begegnet, dem Lufttransport jetzt mehr
Kapazitäten zuzuführen. Allerdings ruft diese Idee auch
bei uns einige Bedenken hervor. Ein Pool aus WSO und sogar Flugzeugführer
soll in einem Umlaufverfahren mal Jet, mal Prop fliegen. Hallo!? Nicht
nur, dass dieses Verfahren in unseren Augen zumindest eine sehr große
Herausforderung an bestehende CRM-Konzepte darstellt, nein, es suggeriert
auch, dass die Tätigkeit des TSO mal so nebenbei gemacht werden
kann.
Klar, dass die Begeisterung der Jet-Kameraden nicht
gerade einem Feuerwerk gleicht. Wie auch? Einsätze in und Krisengebiete,
mit oft unkalkulierbarem Risiko, weniger Zulagen, häufige Abwesenheiten
von Zuhause, immer Instrument der Außenpolitik. Diskussionen
sind entbrannt, und je nach Waffengattung mit unterschiedlichen Standpunkten.
Das ist durchaus verständlich, aber, ein Beitrag
wie in den Jet News ist dabei wenig hilfreich und durchaus nicht gerechtfertigt.
Die Verwendung als TSO wird als Deklassierung bezeichnet.
Von was denn???
Die Tätigkeiten des Taktik-System-Offiziers
könne auch von ... für den Tanker bereits teuer ausgebildeten
Unteroffizieren... durchgeführt werden, und weiter: Diese
Unteroffiziere könnten mit Sicherheit auch den Chaff und Flare-Auswurf
auf der C-160 bedienen, heißt es in dem Artikel.
Ich bin überzeugt davon, dass Unteroffiziere
das können, sogar sehr viel mehr. Dass sie auch Jet fliegen können,
haben sie ja auch schon bewiesen!!!
Nur bringt uns eine Diskussion auf diesem Level
nichts. Nehmen wir es also dem Verfasser nicht übel. Auch dort
schlagen Standortschließungen, weniger Flugstunden, schwindende
Akzeptanz und vielleicht auch die Strukturmaßnahmen in der Bundeswehr
insgesamt aufs Gemüt. Sein Frust mag so groß sein, die
zwingende Notwendigkeit der personellen Unterstützung so missverstanden,
dass dieser Aus(nahme)fall zu Stande kam. Sein Motiv bleibt in einer
Chaff-Wolke verborgen.
Aber vielleicht fehlt auch nur etwas Hintergrundwissen.
Fangen wir bei der Ausbildung an. Die Schulung
der Navigatoren/TSO findet, wie bei den WSO übrigens auch, in
den USA statt. Die ersten 3 Monate verbringen die künftigen WSO
und TSO zusammen und erhalten die gleiche navigatorische/fliegerische
Grundausbildung. Danach trennen sich die Wege.
Die WSO gehen dann in die tätigkeitsbezogene
Ausbildung, welche sich hauptsächlich mit Radarwork und LowLevel-
Missions beschäftigt.
Die TSO absolvierten ein Programm, welches sich
von Astronavigation, Langstreckennavigation bis zu LowLevel erstreckte.
Ein anspruchsvolles Programm auf beiden Seiten.
Die Ausbildung in den Geschwadern beinhaltet, genau
wie bei den WSO, Musterberechtigung, taktische Erstausbildung, EloKa-Lehrgänge
national, wie international, AATTC, Maple Flag, Red Flag, .....
Danach trennen sich die Wege wieder. Die einen
fliegen zu Hause am Platz und auf Übungen, die anderen fliegen
Einsätze weltweit.
Was sind nun die Aufgaben eines TSO? Sicher nicht
nur das Drücken des Knopfes der Chaff/Flare-Anlage, sonst wäre
die Ausbildung nicht so komplex.
Die Aufgaben beinhalten Flugvorbereitung, mit Auswertung
der S2/EloKa-Lage, Planung der taktischen Strecke unter Berücksichtigung
der Leistungsdaten der C-160, Planung des Chaff/Flare Bedarfs anhand
der Bedrohung, genaue Kenntnisse der verschiedensten Bedrohungssysteme,
Programmierung des FMS, genaue Kenntnisse der verschiedensten Drop-Verfahren
und der taktischen Ausweichmanöver, Durchführung des taktischen
Funkverkehrs, Programmierung, Bedienung und Überwachung der EloKa-Anlage,
Überwachung des Zeitplanes, der sicheren Flugdurchführung
und des Anfluges, um nur einige aufzuzählen.
Die Aufgaben sind ähnlich, letztlich nur auf
unterschiedlichen Flugzeugmustern. Allerdings erfliegen wir unsere
Flugstunden im weltweiten Einsatz, in Afghanistan, oder Sudan, oder
u.U. in Pakistan. Einsätze, die oft auch mit persönlichen
Risiken und privaten Einschränkungen verbunden sind.
Der eklatante Personalmangel im Bereich der TSO
lässt sich nicht mit Zwischenlösungen beheben, schon gar
nicht durch Jet- TSO. Der Versuch WSO in die Fachgruppe
TSO einzusetzen ist nachvollziehbar und auf Grund der ähnlichen
Ausbildung auch realisierbar. Aber dann bitte auch in voller Konsequenz,
eine endgültige Umschulung auf C-160 und Versetzung in ein Lufttransportgeschwader
mit vollem motivierten Einsatzwillen des betreffenden Personals. Nur
diese Maßnahme hilft uns letztendlich uns zu entlasten und unsere
Aufträge auch weiter sicher und professionell durchzuführen.
Wir hoffen, dieser Bericht zeigt ein klareres Bild
unserer Tätigkeit und unserer Probleme, auf dessen Basis man
dann auch diskutieren kann, ohne dabei unkameradschaftlich und abwertend
zu werden. 
|