LE NORATLAS DE PROVENCE
Der lange Weg nach Hohn ...

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Oberstleutnant Marco Dahlhaus

Schon wieder Herbst - die Tage werden kürzer... Trotzdem ist bei der morgendlichen Einfahrt zur Hugo-Junkers-Kaserne irgend etwas anders als sonst. Nur was? Gut, im Laufe der letzten Tage wurden im Rahmen der spätsommerlichen Forstarbeiten ein paar Bäume und Büsche gestutzt. Es sieht halt wieder recht ordentlich um die Hauptwache aus - aber das ist es nicht. Halt, Stopp — genau! Unter dem ganzen abgeholzten Grünzeug zur Linken der Einfahrt ist etwas zum Vorschein gekommen, was langsam in Vergessenheit zu geraten schien. Unsere Noratlas! Zugegeben in etwas desolatem Zustand steht sie da, auf ihrem betagten Fahrwerk (dazu in einem anderen Artikel mehr...), aber dennoch als Zeuge der "guten alten Zeit" und der Anfänge des "modernen" Lufttransportes der Bundeswehr.

"Wir damals... mit unserer Nora..." so fingen die meisten Geschichten an, die man als junger Copilot von den ";alten Säcken" mitbekommen hat. Damit kein Missverständnis aufkommt, der Begriff "alte Säcke" findet hier natürlich nur in seiner netten und respektvollen Form Verwendung, zumal die lieben Kameraden nicht nur ihre Geschichten, sondern dazu auch immer ein paar "Werther´s Echte" parat hatten. Auch wenn der Flieger an sich so seine Macken hatte spürte man selbst als Jungspund die Faszination, mit der die damalige Fliegerei beschrieben wurde. Nur leider fehlte uns die Möglichkeit so eine Nora mal live zu erleben, um es nachempfinden zu können...

Ein echtes Schmuckstück auf unserem Flugplatz: — die Nora 105

Wie gesagt sie fehlte - allerdings nur bis zum September 2001! Unser Auftrag lautete im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit mit einer Transall an den Hamburg Airport Classics 2001 teilzunehmen. Nach der Landung begannen wir alles für den nächsten Tag vorzubereiten, als etwas mit dumpfem Brummen über unsere Köpfe hinweg rauschte...

Eine Noratlas überflog vor der Landung das Ausstellungsgelände. Was für ein Sound! So klingen also diese alten Doppelsternmotoren und genau das musste es sein, was die Kameraden meinten! Genau das, was die eigentliche Faszination ausmacht! Die Noratlas rollte aus und wurde direkt neben unserer Transall abgestellt.

Welch ein Anblick! Die gesamte Crew war spontan mit dem Nora-Virus infiziert! Während der ausgiebigen Inspektion der Nord-2501 (Baumuster laufende Nr. 105) kamen wir mit den Mannen der Association "Le Noratlas de Provence" ins Gespräch...

Von insgesamt 425 gebauten Nord-2501 ist die 105 die letzte Noratlas, die sich noch heute in flugfähigem Zustand befindet. Ihre Karriere begann am 24. Mai 1956 mit der Indienststellung bei der Armee de l´air. Dort flog sie 10772 Stunden, zuletzt als Begleitflugzeug der Patrouille de France, wurde 1986 außer Dienst gestellt und zur Air Base 114 "Aix le Milles"überführt.

Die dortige Interessengemeinschaft "Pegase"übernahm die 105 sowie viele Ersatzteile und lagerte erst einmal alles ein. Über den weiteren Nutzen unserer 105 wurden viele Pläne geschmiedet, schlussendlich aber keiner in die Tat umgesetzt. So fristete die 105 ihr Dasein in einem finstren Hangar und wartete auf bessere Zeiten. 1993 besann sich der Kunst-/Kultur- und Sportclub der Air Base 114 ihres verborgenen Schatzes. Man bildete eine eigene Abteilung mit dem Ziel, die 105 wieder in einen flugfähigen Zustand zu bringen, um sie für die Nachwelt als militärhistorisches Kulturgut zu erhalten. In über 18000 Arbeitsstunden wurde die 105 von vielen Freiwilligen und vor allem von noraverrückten Geldgebern in deren Freizeit wieder hergerichtet. Nach über zwei Jahren Bauzeit startete unsere 105 am 20. Mai 1995 zu einem erneuten Erstflug in ihr zweites Leben. Allerdings musste für jeden Flug eine aufwendige Sondererlaubnis beantragt werden. Schnell wurde klar, dass der weitere Erhalt der Flugfähigkeit nicht nur enormen technischen Aufwand, sondern auch erhebliche finanzielle Mittel erforderte. Beides überstieg den Etat der Betreiber, denn außer der Nora wollten noch andere historische Projekte betreut werden. Ein neues, professionelles Konzept musste her. Vierzig ehemalige Besatzungsangehörige, Techniker, Freunde der Armee de l´air und Mitarbeiter der Air France fanden sich zusammen, um als aktive und passive Mitglieder einen Verein zu gründen, der sich nun ausschließlich mit dem Erhalt der 105 beschäftigt. Am 11. Januar 1996 wurde die Association "Le Noratlas de Provence" gegründet. Die 105 fand in einem geräumigen Hangar des Flughafens Marseille de Provence ihre neue Heimat und startet von dort aus zur Teilnahme an vielen Flugveranstaltungen in Europa. Unzählige "kleine und große" Sponsoren, nämlich die Besucher dieser Veranstaltungen, waren und sind seither gerne bereit für eine Besichtigung ihren Obolus zu entrichten und sichern somit einen Großteil der finanziellen Mittel des Vereins. Die nötigen Arbeitsstunden werden in der Freizeit und im Urlaub der Mitglieder erbracht.

Mit einem Gläschen Champagner wird die Crew der Nora am Abend des 14. September 2003 herzlich durch den Kommodore Oberst Frietzsche begrüßt

Durch diese Beiträge und professionelles Marketing gelang es nicht nur am 20. April 1999 eine "echte"; Verkehrszulassung (Kennung: F-AZVM) zu bekommen, sondern nach einer Grundüberholung in 2000 auch die ursprüngliche Originalbemalung der 105 wieder herzustellen. Genau so stand sie dann in Hamburg vor uns, mit silbern glänzenden Flächen und Rumpf, oben weiß abgesetzt und einer leuchtend grünen Nase, die stolz ihre 105 voran trägt. Ein wahres Schmuckstück in nahezu neuwertigem Zustand!

Das gemeinsame Verständnis der Transportfliegerei und den Teamgeist kennt jeder, der bereits mit unseren Besatzungen irgendwo auf dieser Welt Besatzungen anderer Nationen getroffen hat. Man kennt sich halt, und auch ohne große Worte oder eine gemeinsame Sprache knüpft man schnell Kontakt. So war es dann ebenfalls 2001 in Hamburg, denn unsere französischen Freunde dienten selbst in der Armee de l´air, viele flogen nicht nur Nora, sondern auch lange die Transall. Aus unserer gegenseitigen Begeisterung für Nora und Trall entwickelte sich schon im Laufe des Wochenendes eine - wie sich bald herausstellen sollte -innige und lang anhaltende Freundschaft zu unseren "neuen" Kameraden. Als dolmetschendes Bindeglied hatte Joel-Pol Steff, mit seinen hervorragenden Deutsch- und Englischkenntnissen zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, der Association das ganze Wochenende reichlich bis über die Grenzen der Heiserkeit hinaus zu tun. Schlussendlich entwickelte sich bei unserem stets gemeinsam verbrachten Kulturprogramm in Hamburg ein französischenglisch- deutsches Kauderwelsch, dem Außenstehende kaum noch folgen konnten.

Am letzten Abend der Classics wurden wir auf einen sehr gediegenen und festlich zelebrierten Imbiss an Bord der 105 geladen. Zwischen frischem Baguette, unzähligen Käsesorten, hervorragenden Weinen, vielen anderen Spezialitäten der Provence und zahlreichen Reden, reifte im Laufe des Abends ein Plan... um genau zu sein: Der Plan! Es musste doch irgendwie möglich sein, zukünftig die Association Le Noratlas de Provence und das LTG 63 in einer geeigneten Form zusammen zu bringen. Nur wie bekommt man die 105 nach Hohn?

Der Trip nach Hamburg stellt die längste Reise im Jahresprogramm der 105 dar, die größtenteils als Gast bei innerfranzösischen Flugshows als Highlight zu finden ist. Inklusive der Flugvorführungen und des Rückweges fallen zwölf Flugstunden an, die einerseits einen Großteil des Jahres-flugstundenaufkommens von durchschnittlich 60 Betriebsstunden verbrauchen, andererseits natürlich auch vom jeweiligen Veranstalter bestritten werden müssen. Das war dann auch der größte Haken an unserem genialen Plan, schließlich werden pro Betriebsstunde 550 kg Sprit und 5 Liter Öl verbraucht. Marseille-Hohn...

Ein weiter Weg! Woher nehmen... ??? Mit diesem Fragezeichen im Kopf trennten sich unsere Wege nach einem rundum gelungenen Wochenende in Hamburg. Weg war sie die 105, aber der Plan gärte weiter in unseren Köpfen. Wir hielten Kontakt durch unzählige Mails und Telefonate und endeten stets mir einem hoffnungsvollen "sometimes" - nur leider ergab sich nie die richtige Gelegenheit...

Impressionen in der Abendsonne

August 2003... Die Teilnahme des LTG 63 an den Hamburg Airport Classics 2003 stand fest und nach anfänglichen Wirren war nun klar, dass unsere 105 auch wieder dabei sein wird. Die große Chance den Plan endlich zu verwirklichen war nahe.

Die Geschwaderführung musste nicht großartig überzeugt werden - beide waren sofort Feuer und Flamme (Werther´s Echte?) - und so begann unsere kurzfristige Planung für das anstehende Ereignis. Ein besonderer Dank gilt hierbei den Veranstaltern der Classics, die freundlicherweise unsere Not erkannten und die zu entrichtende Menge Sprit für den Rückflug nach Marseille so großzügig bemaßen, dass der kleine Umweg über Hohn möglich wurde. Am Abend des 14. September 2003 war es nach langem Anlauf endlich soweit. Nach einem wiederum sehr schönen Wochenende in Hamburg und der erfolgreichen Teilnahme an den Classics, startete die Nora bei bestem Wetter mit Ziel Hohn, gefolgt von unserer Trall. Vor der Werfthalle erwartete uns bereits das Empfangskomitee. Der Kommodore, der stv. Kommodore, der Bürgermeister der Gemeinde Hohn Bernd Müller, der Chef des Stabes LTKdo, Herrn Oberst i. G. Ochs mit seiner Frau, sowie Vertreter der Traditionsgemeinschaft LTG 63 und der "dritten" Staffel ließen sich mit ihren Gattinnen die Teilnahme am anstehenden Ereignis nicht nehmen. Stellvertretend für die weiteren Gäste sei an dieser Stelle noch der Ehrenbürgermeister der Gemeinde Hohn Herr Werner Kurth erwähnt. Mit einem Glas Champagner wurden unsere Gäste in Hohn begrüßt. "C´est ça - finally we made it" sagte Joel-Pol stolz, als wir die Gläser erhoben. Nach Besichtigung der 105 durch unsere Gäste verlegten wir zur Hugo-Junkers-Kaserne. Der große Saal der OHG war festlich geschmückt und bot den feierlichen Rahmen für den anschließenden Empfang und die Bewirtung unserer französischen Gäste. Nach den entsprechenden Reden kam der große Moment. Jacques Rambach unterzeichnete als Kommandant und stellvertretender Präsident der Association Le Noratlas de Provence zusammen mit dem Bürgermeister der Gemeinde Hohn Herrn Bernd Müller und dem Kommodore, als Vorsitzender der Traditions-gemeinschaft die Partnerschaftsurkunde.

Mit dieser Urkunde begründen die Mitglieder des Vereins "Le Noratlas de Provence", die Gemeinde Hohn und die Traditionsgemeinschaft der Transportflieger LTG 63 eine Partnerschaft. Ziel unser partnerschaftlichen Zusammenarbeit ist die Traditionspflege, die Freude an gemeinsamen Begegnungen sowie die Erhaltung unserer ehemaligen Einsatzmuster NORATLAS.

In diesem Sinne klang der Abend nach gutem Essen mit reichhaltigen Gesprächen aus. Am Montag nutzten viele Geschwaderangehörige das Angebot zur Besichtigung der Noratlas 105. Alles hat ein Ende, so auch dieser Besuch unserer französischen Freunde und so hieß es Abschied nehmen – bis zum nächsten Wiedersehen.

Die 105 mit ihrer Crew verabschiedete sich auf eine ganz besondere Weise - mit ihrem Vorführprogramm, dass nahtlos in den Rückflug übergehen sollte... Eigentlich sollte es das, wenn da nicht diese kleine technische Störung am Triebwerk zwei aufgetreten wäre, was eine erneute Landung erforderlich machte. Typisch Lufttransport, oder? So blieben sie uns doch noch drei Stunden länger erhalten, einschließlich vereinten Austauschens des defekten Magnetes, feldmäßigen Mittagessen unter der Fläche der 105 und anschließendem Triebwerkslauf. Der erneute Start erfolgte problemlos und wir sahen sie langsam am Horizont verschwinden...

bon voyage, à bien tôt 105!

Jacques Rambach, Patrick Nideroest, Georges Tarante, Michel Beaudoin, Eric Domine, Patrick de Friede, Rosaire Cardini und ganz besonders Joel-Pol, wir danken euch sehr herzlich für euer Engagement und den Besuch, wünschen der 105 und der gesamten Association stets "many happy landings" und freuen uns auf ein baldiges Wiedersehen...

Link: www.noratlas-de-provence.asso.fr