Wenn ein Wart mal eine Reise tut,...
(Lviv, Ukraine)

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Oberfeldwebel Sven Haseleu

...dann passiert so allerhand. Mitte September letzten Jahres bekam die Wartungsstaffel den Auftrag, einen Wart C-160 für vier Wochen nach Lviv in der Ukraine zu schicken. Nach kurzer Überlegung meldete ich mich freiwillig, ohne genau zu wissen, was mich dort erwarten würde. Das Einzige an Informationen war ein Fax von RFAS (Reaction Forces Air Staff) in englischer Sprache, in dem ein ungefährer Ablauf beschrieben war. Es handele sich um eine internationaleÜbung von AMF (allied command europe mobile force), man benötige jemanden von der Wartung Transall, im Grand Hotel ist ein Zimmer inklusive Frühstück reserviert, und außer den Deutschen würden auch noch Amerikaner, Belgier, Italiener, Dänen und Niederländer vor Ort sein.

Flugabfertigungsgebäude in Lviv

Nach ein paar Tagen bekam ich dann die Information, dass Oberleutnant Rene Hörr von der 1./LTG 62 auch an diesem Unternehmen teilnehmen würde. Nach einem kurzen Telefonat wusste ich dann auch mehr. Wir vereinbarten, uns am 26. September in Lviv zu treffen. Die Reise dorthin musste also von uns selbst organisiert werden. Also kurz den Chef informiert, beim Dienstreisebüro angefragt und dann lief alles seinen Weg. Die Planung sah danach so aus, dass ich am Morgen des 26. Oktober mit einer Transall nach Berlin geflogen werden sollte und von dort aus mit Polish Airline über Warschau nach Lviv. Aber es kam mal wieder alles anders.

Am 25.10. nahm ich mir einen Tag frei. Und dann brach das Unheil herein. Gegen 13.00 Uhr rief das Dienstreisebüro mich zu Hause an, dass die Transall am nächsten Morgen ausfällt. Ersatzweise könnte ich in der Nacht mit der Deutschen Bahn reisen oder in ca. 60 Minuten mit einem Hubschrauber fliegen. Die Wahl fiel schnell auf den Hubschrauber. Also Taschen packen, von der Familie verabschieden und ab zum Flugplatz, wo auch schon eine Hubschraubercrew auf mich wartete. Nach knapp zwei Stunden Flugzeit erreichte ich dann Berlin-Tegel.

Nun muss ich zu meiner Schande gestehen, obwohl ich als Wart schon mehrmals mitgeflogen bin, habe ich noch nie einen Terminal von innen gesehen. Also kurz mal das Chaos beobachten, den Infoschalter suchen und dann ab zum Schalter von Polish Airlines. Dort traf ich dann auch schon auch Rene aus Wunstorf.

Während des Fluges konnten wir uns leider dann nicht so unterhalten, da wir in verschiedenen Klassen reisten. Meine Person reiste natürlich Business class. Schönen Dank nochmals an das Dienstreisebüro. Nach Warschau ging es mit einer JAG, von dort weiter mit einer ATR 72. In Lviv angekommen, schwor ich mir, nie wieder etwas gegen unsere gute, alte Trall zu sagen. Viel Platz ist in diesen Flugzeugen nicht gerade. Im Bus vom Flugzeug zum Empfangsgebäude trafen Rene und ich dann auch gleich auf das Team von RFAS. Zusammen wurden wir dann von Soldaten der ukrainischen Luftwaffe in Empfang genommen. Dann musste ich feststellen, dass Teile meines Gepäcks fehlten. Aber keine Sorge, sagte man mir, das kommt bestimmt morgen. So etwas passiert hier jeden Tag. Na, dann mal ab ins Hotel. Die Stadt Lviv liegt ungefähr 600 km westlich von Kiew und hat ca. 850.000 Einwohner und zusätzlich ca. 100.000 Studenten. Der Stadtkern ist im österreichisch-ungarischen Stil gehalten und sehr gepflegt. Unser Hotel liegt im Stadtkern, ist aber trotzdem sehr ruhig, aber sobald man die Außentür öffnet, steht man inmitten des Stadtlebens. Bekannte Fastfood-Restaurants, Aldi, Lidl, usw. sind zu Fuß zu erreichen, wenn man sich erst einmal mit dem gefährlichen Straßenverkehr auseinander gesetzt hat, denn dagegen erschien mir die morgendliche Bustour in Termez wie die Fahrt zum Kaffeekränzchen.

"Alt trifft Neu", die Ukrainische Methode der Beladung einer DC 8

Die Landeswährung heißt Griwna und wird überall in der Stadt gerne gegen Dollar und Euros im Verhältnis 1:5 eingetauscht. Bekannt wurde die Stadt durch ein tragisches Flugzeugunglück im Juli 2002, bei dem ein Kampfjet nach einem Flugmanöver in die Zuschauermenge fiel. Jedem sind wohl die Bilder aus dem Fernsehen noch bekannt.

Nach dem Einchecken im Hotel war ein Briefing auf dem Flugplatz mit den zuständigen Behörden angesetzt. So ein Chaos habe ich noch nie gesehen. Ein Wirrwarr aus Russisch, Ukrainisch, Englisch und wir zwei Deutschen mitten drin. Nach dem Briefing, aus dem nun nicht wirklich viele Informationen zu gewinnen waren, wurde uns unser Einsatzbüro gezeigt. Insgesamt vier Räume auf der militärischen Seite des Flugplatzes, karg eingerichtet, kalt aber trocken und mit internationalem Telefonanschluss.

Meine Aufgabe bestand darin, die Rollwege auf FO (Foreign Objects -Fremdkörper) abzusuchen, die Parkpositionen auf dem Rollweg festzulegen, das Einweisen und Weglassen der ver-schiedenen Luftfahrzeuge zu koordinieren und dazwischen ein wenig unseren OPS zu unterstützen.

Alle Startzeiten der verschiedenen Luftfahrzeuge wurden uns von RFAS in Kalkar telefonisch gemeldet, desgleichen mussten wir alle Abflugzeiten zurück nach Kalkar melden. Kein Problem, dachte ich und griff zum Hörer und sah schon an der Nummer, dass Kalkar in Deutschland liegt. Was ich noch nicht wusste, war, dass RFAS eine Nato-Abteilung ist und man dort nur Englisch spricht und mit großer Wahrscheinlichkeit auch keinen deutschsprachigen Soldaten an das Telefon bekam. Aber mein Englisch verbesserte sich Tag für Tag. Am zweiten Tag kamen dann auch schon die ersten Flieger mit dem Vorkommando für das Manöver verschiedener Heereseinheiten der Nato. Gegen Mittag konnte ich dann auch mein verloren gegangenes Gepäck am zivilen Flugplatz abholen.

Am darauf folgenden Sonntag kam dann auch die erste deutsche Transall aus Landsberg. Mit an Bord waren auch drei Hohner Luzer, Feldwebel

Christoph Pautz, Unteroffizier Daniel Pineiro und Obergefreiter Sammy Bardi. Das internationale IALCE-Team (Internation Airlift Control Element) war nun auf ca. 35 Soldatinnen und Soldaten angewachsen und vollständig. In nur einer Woche waren alle Vorkommandos eingeflogen worden und die große Übung konnte beginnen. Da es für uns ab nun nicht mehr so viel zu tun gab, flogen die ersten Soldaten unseren Teams wieder nach Hause. Da noch vier deutsche Bell UH-1D im Manövergebiet waren und die Belgier jeden Tag Pax-Drop flogen, musste ich für die acht Tage der Übung vor Ort bleiben. Da ergab sich dann auch einmal die Möglichkeit mit der C-130 mitzufliegen und das Dropverfahren von der Rampe aus zu beobachten.

Für eventuelle Zwischenfälle standen wir dann auch ständig in Bereitschaft für die Medevac-Maschine aus Ramstein. Leider bekamen wir auch inmitten der Übung zweimal die Alarmierung, dass die Medevac-Maschine kommt, um verletzte Amerikaner auszufliegen. Also die Leute alarmieren, raus zum Flugplatz und für die Ankunft des Luftfahrzeuges alles vorbereiten. Nachdem die Verletzten ausgeflogen waren, kehrte wieder Ruhe ein, und wir fuhren zurück in unser Hotel.

Die Übung war dann auch schon nach acht Tagen zu Ende und die Soldaten unseres Teams trafen auch schon wieder ein. Wir begannen damit, das Material und die Fahrzeuge der Nachkommandos zu verladen und in ihre Heimat zurück zu schicken. Auch dieses wurde innerhalb

einer Woche abgeschlossen und unser Auftrag war erledigt. Nach einer großartigen Abschiedsfeier verabschiedeten wir Deutschen uns am 22. Oktober von den Soldaten der anderen Nationen und flogen mit der letzten Transall von Lviv nach Landsberg. Dort wartete schon eine Hohner Trall auf uns und brachte mich nach 27 Tagen wieder dorthin, wo mein Abenteuer begann: auf den Flugplatz Hohn.

Für mich persönlich war es eine sehr interessante Erfahrung mit den anderen Nationen so eng zusammen zu arbeiten und auch Ansporn, mich mal wieder an so einer Übung zu beteiligen. In diesem Zusammenhang danke ich noch mal den Kameraden beim OvG im LTG 63, bei denen ich mir jederzeit telefonische Ratschläge holen konnte.