... wo der Pfeffer wächst ...
 

Artikelauswahl

 

von Stabsarzt C. M. Lamprecht

Freiwillig macht DAS keiner mit“ dachte ich mir, als ich die Order erhielt, die GAF (German Air Force) 073 nach Südamerika zu begleiten. Auftrag war es, Ladung von Toulouse auf die französische Karibikinsel Martinique sowie einen französischen Hubschrauber vom Typ „Puma“ von Cayenne (bekannt in jeder gut sortierten Küche) in Französisch Guyana zurück nach Toulouse zu verbringen.

Eine Ariane-Trägerrakete vor dem ESA Space Center in Kourou.

Ein Größenvergleich beider führte sofort zu der Frage: „Wie soll das passen...?“ Tatsächlich forderte mich der Kommandant Stabshauptmann R. „Cat“ Westermann bei unserem ersten Briefing auf, meine Kreditkarte mitzunehmen, da ich mangels Sitzplatz den Rückflug von Cayenne voraussichtlich commercial antreten müsse.

Neben den Piloten, dem Mixer Hauptfeldwebel R. Schöning, dem Loadi und dem Wart hatte das Lufttransportkommando Hauptmann E. „Ecki“ Eckstein entsandt, der vom Nav-Sitz aus das Unternehmen unterstützen sollte. Außerdem sollten uns zwei Angehörige der französischen Armée de l’aire begleiten, nämlich Adjudant Alain „Mac“ Bes (bitte nicht die kleine Shakespearesque übersehen... Franzosen haben einen subtilen Humor) sowie Sergent Chef Bruno Deveau. Alain ist Ladungsmeister und Bordtechniker (in Frankreich vereinigen sich beide Funktionen in einer Person) auf Transall und sollte bei Be- und Entladearbeiten assistieren, Bruno hatte als Puma-Techniker für das Zerlegen des Hubschraubers zu sorgen. Nun zählten wir schon fast so viel Personal wie eine Wunstorfer Crew... und dann noch ein Arzt??? Das schien nun wirklich zu viel. Aber Befehl ist Befehl, und so bestieg auch ich am 27. September 2002 die 51+02, die sich um kurz nach fünf Uhr Zulu auf die große Reise machte.

Da wir unsere französischen ACM’s (zusätzliche Besatzungsmitglieder) sowie Ladung und Treibstoff nicht in Köln sondern in Toulouse aufnahmen, wurde es möglich, dass wir uns ungewohnt pünktlich wieder auf den Weg nach Gran Canaria aufmachten. Zwar hatte wir alle Visa für die Kapverden in unseren Dienstpässen, doch dort wollte man uns offensichtlich nicht, so dass wir auf dem nächsten Leg in den Senegal auswichen. Nicht wirklich schlimm, denn außer für Taucher sind diese Inseln wahrlich kein Leckerbissen für Reisehungrige.

In Dakar stand dann wenige Hundert Meter entfernt ein... na ja, nennen wir es MedEvac-Flugzeug, welches Opfer des grauenvollen Fährunglücks vor der Küste im Süden des Landes einflog. Staatstrauer war ausgerufen, und so bekamen wir mit Mühe und Not noch etwas zu essen. Beinahe jeder Laden in der Stadt war geschlossen.

Am Sonntag ging es dann über den großen Teich. Mit 48t Gesamtgewicht sahen wir auf einer Strecke von 1600 Meilen, die wir in sieben Stunden und fünf Minuten zurücklegten, nichts als Wasser, Wasser und nochmals Wasser...

Ein Wal wird gebohren.

Nicht vergessen möchte ich, dass drei Kameraden - Kommandantenschüler Oberleutnant R. Schrader, unser Wart Stabsunteroffizier T. Werner sowie Sergent B. Deveau - sich nach alter Väter Sitte der die Grenzen des Erträglichen touchierenden Äquatortaufe stellen mussten. Alle drei überlebten schwer gezeichnet und unter Schock...

Als sich dann die durchaus beeindruckende Skyline vom brasilianischen Recife vor uns auftat, war dies schon ein eindrucksvoller Augenblick. Hunderte in den Himmel stakende Hochhäuser ließen die Silhouette der einer amerikanischen Metropole in nichts nachstehen, der Aufenthalt schien vielversprechend zu werden. Doch der Check der Maschine nach der Landung holte uns auf den Boden der Tatsachen zurück.

Unser fleißiger Wart meldete das Flugzeug trotz heftiger Proteste der Restcrew in einwandfreiem Zustand. Der Weg zu unserem Hotel dann war viel zu kurz, um der Stadt gerecht werdende Eindrücke sammeln zu können. Eine Kurzmast mit Unmengen brasilianischer Fleischspezialitäten vom Spieß und ein Besuch in einer von einem Franken („Nenn mi net noamoal a‘an Bayern, sonst fliagst außi!“) mit Kaiser-Wilhelm-Schnauzer geführten Kneipe mit original Erdinger Weißbier blieben die einzigen Impressionen brasilianischer Lebensart.

So eintönig blau sich auch der Überflug über den Atlantik zeigte, so grün gestaltete sich der Weiterflug nach Cayenne über den tropischen Regenwald. Dass es überhaupt möglich sein soll, solch unbeschreibliche Flächen an Wald in erheblichem Maße zu reduzieren, wirkte aus der Vogelperspektive beinahe unglaubwürdig, einzig optische Auflockerung brachte die Überquerung des Amazonasbecken. Den Hauptarm zu überfliegen dauert mit der Transall bereits mehrere Minuten. Und ausgerechnet hier absolvierte unser Kommandant „Cat“ Westermann seine 7000. Flugstunde – wenn das kein angemessenes Areal ist.

Martinique und Cayenne sind französische Departements. Wer diesbezüglich Urlaubspläne hegt, sollte tunlichst seine Sprachkenntnisse aufbessern, denn Englisch wird dort eher stiefmütterlich behandelt. Außerdem sollte er oder sie sich eher gen Martinique orientieren, denn während die Urlaubsinsel sich als kleines Paradies erwies, erwies sich die guyanerische Pfefferstadt vor allem als heiß (sogar das Wasser war über dreissig Grad warm) und dreckig. Einzig sehenswürdig zeigte sich das Space Center in Kourou, wo die Abschussrampen der ESA für die Ariane-Trägerraketen stehen.

Die Crew der Hohner Transall vom LTG 63

Dank der guten Zusammenarbeit zwischen unserem Ladungsmeister Hauptfeldwebel A. Kühme und der französischen Beladecrew unter Leitung von Alain Bes und Bruno Deveau war der „Puma“ - Gott sei’s getrommelt und gepfiffen - bereits am Nachmittag unseres ersten Stehtages verstaut, so dass wir pünktlich gen Bermudas aufbrechen konnten. Nach einem etwas verlängerten Tankstopp in Puerto Rico, wo der Tower die Rollanweisungen erst gab, nachdem die Crew 10 Minuten lang Fragen zu dem dort völlig unbekannten Flugzeugtyp Transall beantwortet hatte, ging es wieder stundenlang über Wasser. Und dass unsere Navigationsanlage schließlich diese wirklich winzigen Eilande in der unendlichen Weite des Ozeans fand, ist eigentlich durchaus beeindruckend.

Wundervoll sind sie... die Bermudas. Malerische kleine Buchten mit Unmengen von Yachten, üppige Vegetation, Parkanlagen mit Rasen, der mit der Nagelschere bearbeitet zu sein scheint und Villen, die einen noch mal über die Lage des eigenen Altersruhesitzes nachdenken lassen. Selbst unser Hotel war so vornehm, „dass sich dort die Kellner gegenseitig Trinkgeld gaben“ (O-Ton R. Schöning).

Und hätte unserer Wart nicht den ersten Anflug eines technischen Problems erfolgreich mit seinem Gummihammer gelöst (Crew: „Hau rauf da! Dat hält:“ – Wart: „Und wennich...?“ – Crew: „Klar häldat!“ – Wart: „ Und dann is wieder der Wart schuld...“ – Crew: „Wer sonst!?!“) hätte, wären wir eh gleich dageblieben.

Gegen das Gesehene waren dann die letzten Legs bis zum europäischen Festland über St. John/Kanada und die Azoren beinahe unspektakulär, wären da nicht unliebsame Kontakte nicht näher genannter Crewmitglieder mit der portugiesischen Unterwelt gewesen, die glücklicherweise nur zu überschaubaren pekuniären Verlusten führten.

Plötzlich war’s passiert... völlig unerwartet – wir hatten uns gerade darauf geeinigt, dass wir in Cayenne den falschen Hubschrauber eingepackt hatten und wollten soeben den Change of Destination nach Südamerika durchgeben – begann der Descent auf Toulouse. In gerade mal zwei Stunden war der „Puma“ von der ausgesprochen effektiv arbeitenden französischen Crew ausgeladen; der Auftrag war erfüllt. Ein hervorragendes Diner in einem kleinen einheimischen Restaurant beschloss diese deutsch-französische Kooperation. Hierfür an dieser Stelle ein großer Dank an Alain und Bruno, die sich als ausgezeichnete Crew-Kameraden erwiesen. En tout temps, en tout lieux, j’aimerais voler avec vous!

Auf der letzten Etappe nach Hohn dann war es, als wollte uns unsere doch so zuverlässige 51+02 sagen, dass es Zeit für die Heimkehr sei, als nämlich gleich mehrere Fehlermeldungen auf einmal auftraten. Nichtsdestotrotz setzten wir am 10. Oktober 2002 nach 11260 Meilen in 59,5 Flugstunden an zehn Flugtagen mit bis zu 5t Ladung präzise nach Flugplan um 1530z in Hohn auf.

Noch Fragen?