Als Schiffszahnarzt auf Zerstörer Mölders
 

Artikelauswahl

 

Oberstabsarzt Martin Ulbrich

Der zentrale Sanitätsdienst macht’s möglich: mit Luftwaffenuniform als Schiffszahnarzt bei der Marine unterwegs zu sein. Vorgesehen war eine zweimonatige Seefahrt an Bord von Zerstörer Mölders, die (für Außenstehende: Schiffe sind weiblich) seit März im Rahmen des „Ständigen Natoverbandes Mittelmeer“ (STANAFORMED) dort und im Schwarzen Meer bis November unterwegs ist.

Behandlung an Bord

Ende Mai schritt ich daher das erste Mal über eine Stelling, um an Bord von Zerstörer Mölders zu gelangen. Was hatte man mir im Vorfeld nicht alles gesagt: Dieses Schiff sei alt, laut, eng, unkomfortabel und so weiter und so fort. Nun, alt ist es sicherlich: Seit 1969 fährt es für die Bundesmarine, aber die Transall ist ja bekanntlich auch nicht jünger.

Laut ist die Mölders auch, allerdings nur im inneren Bereich, bedingt durch die Antriebs- und Klimatechnik. Bei über 330 Mann Besatzung muss es bei einer Schiffslänge von ca. 130 m eng werden. Hinzu kommen die unvorstellbaren Mengen an Heizöl (über 800 Kubikmeter!), Wasser, Proviant, Munition und sonstiger wertvoller Ausrüstungsgegenstände (inkl. Grill und Zapfanlage), die das Schiff doch bis in alle Ecken voll ausfüllen.

Über Komfort lässt sich bekanntlich streiten, in diesem Fall muss man allerdings differenzieren: Mit 80 Mann auf 84 qm zu leben (achteres Mannschaftsdeck) ist mit Sicherheit weniger angenehm, als mit sechs Kameraden in einem Container zu wohnen. Es kommt immer darauf an, was man aus der Situation macht, und die Jungs in den großen Schlafdecks kommen ganz gut zu Rande. Wenn die Seefahrt dann allerdings über sieben Monate dauert, muss man ihnen sicherlich großen Respekt zollen, denn über diesen Zeitraum ist es zuweilen schwierig, auf solch engem Raum ohne größere Reibereien miteinander auszukommen.

Zerstörer "Mölders" auf See

Nachdem ich in einige Fettnäpfchen marinierter Lebensart getreten war, gewöhnte ich mich dann doch recht schnell an das Bordleben und genoss die Tage auf See. Wir fuhren zunächst im westlichen Mittelmeer mit anderen NATO-Staaten Manöver, um später ins Schwarze Meer zu transferieren. Dort fand ebenfalls ein Manöver statt, an dem auch zahlreiche Länder teilnahmen, die nicht der NATO angehören. Die Mölders konnte im internationalen Vergleich immer sehr gute Resultate erzielen; man sieht, Alter schützt vor Klugheit nicht.

Daraufhin wurde im Rahmen von “Aktive Endeavour“ im östlichen Mittelmeer Patrouille gefahren, um Schiffe mit terroristischem Charakter ausfindig machen zu können. Zu diesem Zweck wurden sämtliche Schiffe nach diversen Parametern kontrolliert und katalogisiert.

Die zahnmedizinische Versorgung an Bord fand im Schiffslazarett statt.. Man darf dort natürlich keine voll eingerichtete Zahnarztpraxis erwarten: Es gibt einen kleinen Koffer mit zahnmedizinischer Bohrerausstattung, behandelt wird auf dem OP-Tisch, die Absauganlage war etwas schwächlich, und dentales Röntgen war quasi nicht möglich.

Selbst das Mittelmeer war nicht immer glatt; in Zeiten höheren Seegangs kam die Schunkelei erschwerend hinzu: eine Hand für das Schiff, eine halbe für den Patienten, einen Teil für die Behandlung, der Rest für mich (hüstel).In den Häfen kamen dann auch die Soldaten der anderen Schiffe zur Behandlung, da diese nicht über einen eigenen Zahnarzt verfügen. Man steht zuweilen vor ganz anderen Problemen, als man sie von der Behandlung in der eigenen Einheit her gewöhnt ist: Man sieht einen (Schmerz-)Patienten nur einmal, muss aber dafür Sorge tragen, dass dieser die nächsten Monate möglichst beschwerdefrei zur See fahren kann.

Neue Herausforderungen ...

In Zusammenarbeit mit den Soldaten des Lazaretts hat es aber immer einwandfrei funktioniert. Die Mölders ist ein sehr beeindruckendes Schiff: Als einer von zwei verbliebenen Zerstörern der Marine (neben der baugleichen „Lütjens“) ist sie ganz anders konzipiert als eine Fregatte. Sie ist auf Schnelligkeit und Schlagkraft ausgelegt, was sich an den zahlreichen Waffensystemen widerspiegelt.

Dampftechnik...!

Überall befinden sich Waffensysteme, Radaranlagen, Antennen und Geschütze, u. a. zwei Geschütztürme mit dem größten Kaliber der Marine: fünf Inch (oder 126 mm). Wenn diese Türme losklötern bleibt kein Fischauge trocken!

Durch die zwar museale, jedoch leistungsstarke Dampftechnik bedingt, unterscheidet sie sich deutlich von anderen Schiffen.

Diese sehr aufwendige Dampfanlage ist hauptsächlich für die hohe Besatzungsstärke verantwortlich: in den Kessel- und Turbinenräumen muss noch so richtig Hand angelegt werden, bei Temperatur-verhältnissen, die dabei jenseits von Gut und Böse liegen: bei warmen Außentemperaturen (und im östlichen Mittelmeer ist es sehr warm) werden gut und gerne 50 - 60° Celsius erreicht, da lacht die Schweißdrüse. Ein Heizölverbrauch von bis zu 20 Tonnen pro Stunde (bei äußerster Fahrt) haut allerdings jedem Steuerzahler die Tränen in die Augen. Das man so mit 4500 Tonnen Stahl satte 34 Knoten schafft (ca. 65 km/h), steht wiederum auf der anderen Seite der Medaille.Die Mölders soll nächstes Jahr ebenso wie die Lütjens außer Dienst gestellt werden.

Damit wird die Ära der Dampftechnik in der Marine dann auch beendet sein. Sicherlich wird neben den rationellen Gründen, die für eine Außerdienststellung sprechen, auch viel Wehmut vorhanden sein. Ohne Zweifel wird der Marine etwas Traditionelles fehlen.

Die Hafenaufenthalte sind sicherlich ein Höhepunkt jeder Seefahrt. Leider wiederhol(t)en sich einige Häfen, so dass die Attraktivität des Einlaufens manchmal zu wünschen übrig lässt. Glücklicherweise hat sich in Akzas/Türkei ein längerer Aufenthalt ergeben, den viele Besatzungsangehörige für einen Heimaturlaub nutzen konnten. Aber leider nicht alle! Mancher Kamerad fährt die komplette Tour durch, und sieben Monate unter solchen Bedingungen im Einsatz zu sein ist sicherlich kein Zuckerschlecken. Aber ein echter Zerstörerfahrer ...

Nach knapp 12.000 Seemeilen, der Passage sämtlicher Mittelmeerengen, zahlreicher Bord-Behandlungen, einer Schwarzmeertaufe und vielen weiteren Erlebnissen an Bord ging ich in Antalya von Bord, froh meine Familie wiedersehen zu können, aber auf jeden Fall auch mit einem vollen Seesack netter neuer Bekanntschaften und Erlebnisse.