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Hauptmann Stefan Reichertz
Um 01:15 Uhr lokaler Zeit klingelt der Wecker.
Wir sind heute die erste Maschine nach Kabul. Die Maschinen für
die weiteren Einsätze an diesem Tag werden im 20-minütigen
Startabstand folgen. Eigentlich ist es eine unchristliche Zeit zum
Aufstehen, aber nach der kalten Dusche im Hotel - warmes Wasser gibt
es nicht - werden die Lebensgeister sehr schnell geweckt. Zähneputzen
mit Mineralwasser steht auf der Tagesordnung. Pünktlich um 02:00
Uhr erscheinen alle Crewmitglieder zur Abfahrt.
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| Eine Transall C-160 wird für
den Start vorbereitet |
Die Fahrt zum Flugplatz wird wieder zum Erlebnis.
Über Nacht stehen die Busse vor dem Hotel und dienen den Fahrern
als Schlafstätte. Heute schlief der Fahrer auch noch während
der Fahrt ein.Gott sei Dank sind die Strassen in beide Richtungen
doppelspurig, und er hatte den Bus schnell wieder unter Kontrolle.Die
Fahrt endet nach einer 20-minütigen Fahrt durch die menschenleeren
Straßen von Termez.
Nach dem Eintreffen am Flugplatz stellen wir fest,
dass wir nicht die ersten waren, die zu dieser Nachtzeit haben aufstehen
müssen. Heute ist ein typischer „Airbus-Tag“, d.h.
es wird ein A-310 aus Köln erwartet, der die Leistungsfähigkeit
des ganzen LTStp auf eine harte Probe stellt. Der fast pausenlose
Funkverkehr über die Handfunkgeräte beweist dies: Der Luftumschlagzug
dirigiert die Fracht aus dem Airbus zur Umpalletierung auf Transall
- Der Passagierabfertiger teilt die Passagiere zu je 39 Personen für
die Weiterreise mit unseren Maschinen nach Kabul auf - Die Einsatzsteuerung
gibt Befehle zum Schleppen der Maschinen - Die Wartung meldet die
50+83 nach der Vorfluginspektion einsatzklar.
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| Über dem Hindukusch |
Das war unsere Maschine.
Nach einem schnellen Kaffee bekommen wir vom Einsatzoffizier erste
Informationen über unsere heutige Mission. Danach folgt ein ausführliches
S2-Briefing über die aktuelle Sicherheitslage in Afghanistan,
hier speziell Kabul. Anschließend werden wir durch ASCP über
aktuelle Informationen zur militärischen Luftraumordnung gebrieft,
bevor das Wetterbriefing die Informationsflut beendet. Unter Berücksichtigung
aller genannten Faktoren wird die Flugvorbereitung durch die Besatzung
angegangen. Das größte Problem stellt auch heute wieder
das Wetter dar. Es ist mittlerweile 03:00 Uhr. Die Außentemperatur
beträgt bereits 25°C. Im Laufe des Tages werden Höchstwerte
von 45°C erreicht werden.
Selbst im Kessel von Kabul (2000 m über NN)
werden die Temperaturen auf 35°C ansteigen. Auf Grund der Leistungsparameter
der Transall müssen die Einsätze vor Erreichen der Tageshöchstwerte
abgeschlossen sein, wodurch die frühen Startzeiten begründet
sind.
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| Ein Blick auf die zerstörte
Stadt Kabul |
Da unsere Maschine bereits klar gemeldet wurde,
können der Bordtechniker und der Ladungsmeister an die Maschine,
um alles auf Funktion, und hier ganz besonders die persönliche
Survivalausrüstung, zu prüfen. Nachdem die beiden die Maschine
übernommen und ihre Checks beendet haben, ist eine Stunde vor
der geplanten Startzeit die komplette Besatzung am Flugzeug. Noch
einmal ein kurzes Briefing-Update, dann geht alles nach einem exakten
Timing seinen Gang. Der usbekische Zoll kommt an die Maschine zwecks
Ausreiseformalitäten für Crew und Passagiere, die inzwischen
an der Maschine angekommen und zur Weiterverlegung nach Kabul bereit
sind. Den reisenden Soldaten ist die Müdigkeit deutlich in den
Gesichtern abzulesen.
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| Ankunft der Heeresflieger
mit CH-53 |
Der Zoll hat seine Arbeit abgeschlossen und nun
können die letzten Arbeiten an der Maschine durchgeführt
werden. Die Crew beginnt mit ihren Checks und die Selbstschutzanlage
wird scharf gemacht. Der Start in Termez muss pünktlich erfolgen,
denn schließlich gilt es den Landeslot in Kabul plusminus 5
Minuten einzuhalten. Alles läuft wie geplant und pünktlich
um 05:00 Uhr starten wir in Richtung Kabul und einem beeindruckenden
Sonnenaufgang entgegen. Über dem Platz steigen wir auf die geforderte
Flughöhe, bevor wir in den afghanischen Luftraum einfliegen.
Unsere Selbstschutzanlage läuft. Der Taktik/ Systemoffizier ist
jetzt der wichtigste Mann an Bord. Der Kontakt mit AWACS will heute
nicht so recht zustande kommen.
Von Usbekistan kommend, sehen wir schon sehr weit
vor uns das Hindukusch-Gebirge und am Horizont den K2. Fliegerschönheit
unter Bedrohungslage! Der Wettercheck mit Kabul-Tower bestätigt
das bereits vorhergesagte gute Anflugwetter in Kabul. Sichtflugbedingungen
sind die Vorraussetzung zur Durchführung unserer Einsätze.
Wir beginnen den Sinkflug in den Kessel von Kabul.
Der Anflug erfolgt - orientiert an der Bedrohungslage - sehr „sportlich“.
Immer wieder spricht unsere Selbstschutzanlage
an und mögliche Bedrohungen werden am Display angezeigt. Wenige
Minuten später landen wir sicher auf dem stark zerstörten
Flugplatz Kabul. Zwischen Taxiway und Runway sind noch immer völlig
zerstörte Flugzeugwracks zu sehen, die uns die allgegenwärtige
Gefahr deutlich vor Augen führen.
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| Der ultimative Vergleich auf
dem Flugplatz in Kabul |
Auf dem Abstellplatz stellen wir die Triebwerke
ab, und sofort ist der Luftumschlagzug zur Stelle und beginnt unsere
Maschine zu entladen. Wir nutzen die kurze Zeit, um mit unseren Kameraden
vor Ort ein wenig Smalltalk zu halten. Man kennt sich inzwischen gut,
und die Gelegenheit wird genutzt, die letzten Neuigkeiten auszutauschen.
Nach einer guten Stunde lassen wir wieder die Triebwerke an und starten
in Richtung Termez. Mit an Bord 39 Soldaten, die nach 6 Monaten im
Einsatz nur noch den Wunsch haben, nach Hause zu kommen. Im Steigflug
spricht plötzlich in einer Linkskurve unsere Selbstschutzanlage
an. Täuschkörper werden ausgestoßen. Der plötzliche
Knall lässt die Soldaten im Laderaum erschrocken aufblicken.Auch
in der Crew steigt die Herzfrequenz merklich an. Schlagartig wird
wieder jedem klar, dass bei aller Routine die potentielle Gefahr allgegenwärtig
ist. Der Weiterflug nach Termez verläuft reibungslos. Nach einer
guten Stunde Flugzeit landen wir wieder in den frühen Morgenstunden
bei 40°C in Termez. Nach dem Debriefing geht ein anstrengender
Arbeitstag zu Ende.
Viel Zeit zum Ausruhen bleibt nicht. Ein Blick
auf das Einsatzboard zeigt bereits die Einteilung für die kommende
Nacht. Das Board ist in Zeiten des Kontingentwechsels in Kabul entsprechend
voll. Obwohl die Belastung für alle am LTStP 3 hoch ist, ist
die Stimmung ausgezeichnet. Die Aufgabe lässt uns näher
zusammenrücken.
Mein Dank für die Unterstützung zur Erstellung
dieses BRUMMEL-Berichts gilt der ganzen Besatzung von Hauptmann Piplak,
LTG 62. 
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