Für eine Hand voll Sum...
 

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Oberstleutnant Christian Leitges

Der Sum - Landeswährung Usbekistans. 200 Sum entsprechen ca. 16 Euro-Cent. Eigentlich nicht schlecht. Doch der abgebildete Schein hat viele viele kleinere Brüder!

..wird man in Termez nicht satt. „Sum“, das ist die Bezeichnung der usbekischen Währung. Lieber Leser, Sie könnten jetzt zweierlei annehmen. Erstens: In Termez, unserem usbekischen Lufttransportstützpunkt (LTStp), unmittelbar an der Grenze zu Afghanistan, gäbe es nicht ausreichend oder nicht nahrhaft genug zu essen. Aber damit lägen sie genauso falsch, wie mit der zweiten Annahme, nämlich daß das Essen dort unverhältnismäßig teuer wäre. Es liegt am Sum! Der Kurs des Sum liegt bei ca. 1.400 Sum für einen US-Dollar. Na und, denken Sie jetzt wohl, Ende letzten Jahres waren die Transporter doch in ähnlichem Auftrag in Istanbul stationiert, wo man mit der türkischen Lira doch gelernt haben sollte, selbst für einen Kaffee in Millionen-Kategorien zu rechnen. Alles richtig. Nur der Sum hat es anders als die türkische Lira an sich, daß er sich am liebsten und häufigsten in 100 und 200 Sum-Scheinen unters Volk mischt. Der 500er ist selten, 1000er begegnen einem nur an außergwöhnlichen Glückstagen. Zu den beiden oben geäußerten Verdachten:

Das Essen der ortsüblichen Küche besteht aus viel frischem Gemüse, Salat, Reis und natürlich Fleisch. Hammel, Rind, Huhn, das alles gibt es reichhaltig auf dem Bazar der Stadt zu kaufen und natürlich sehr wohlschmeckend zubereitet in den Restaurants der Stadt zu verzehren. Daneben ist es auch noch sehr preiswert. Wenn da eben nicht das Problem mit den vielen vielen Scheinen wäre, die das Bezahlen manchmal genauso lang werden lassen wie das Mahl, und schon so manchen der Kommandoangehörigen auf eine harte Konzetrations- und Geduldsprobe gestellt haben.

Pech, wenn wan sich gerade beim 65sten von 70 Scheinen verzählt!

Als Reaktion auf die Resolution der Vereinten Nationen zur Entsendung einer Friedenstruppe als International Security Assistance Force (ISAF) nach Kabul, und dem Beschluß des Bundestages zur Stationierung auch deutscher Anteile in der afghanischen Hauptstadt, flog am 14. Januar diesen Jahres ein Erkundungsteam des LTG 63 unter Führung unseres Kommodore, Herrn Oberst Miunske, ins usbekische Termez. Der Auftrag:

Errichten eines Lufttransportstützpunktes zur Folgeversorgung des internationalen ISAF-Kontingents und Bereitstellung von Lufttransportmitteln für eine medizinische Evakuierung von Verwundeten oder Verletzten (MedEvac) im „Falle eines Falles“.

Vorkommando und Hauptkommando folgten Ende Januar bzw. Mitte Februar mit insgesamt 6 Transall C-160 und unzähligen angekauften Versorgungsflügen durch Iljushin-76 mit allem Personal und Material, was zur Durchführung von Flugbetrieb notwendig ist.Zweimal pro Woche fliegt seitdem ein Airbus A-310 der Flugbereitschaft BMVg Termez von Köln aus an,um Personal und Material zuzuführen und abzuholen. Das für Kabul bestimmte Personal steigt in Termez in Transall um, mit denen dann der Weiterflug erfolgt.

Die 7 in Termez stationierten fliegenden Besatzungen bilden wie immer eigentlich eher den kleinsten personellen Anteil des Kommandos. Techniker, Innendienst, Truppenverwaltung, Ärzte, Wetterberater, Nachrichtenwesen usw. werden gebraucht, um den Auftrag zu erfüllen. Insgesamt ca. 140 - 150 Soldaten, die in zwei Hotels der Stadt untergebracht sind.

Das Hotel „Surchon“ (links) und „Sharq“ (rechts). Unterkünfte des Kommandopersonals. In der Stadtmitte gelegen, und je nach individueller Fahrweise der einheimischen Busfahrer, die von Trolley-Tour bis Grand-Prix-Qualifikation reicht, in ca. 15-20 Minuten vom Flugplatz zu erreichen. Die noch nicht unterbotene Zeit von 9 Minuten bleibt im Sinne der Gesundheit des Personals hoffentlich eine Ausnahme und ist vermutlich einer extrem günstigen Rückenwind-Situation zuzuschreiben.

Ein paar Tätigkeiten sollte man speziell erwähnen, denn sie machen beispielhaft die besonderen Herausforderungen dieses Einsatzes deutlich. Da wären zunächst einmal die Übersetzer. Transporter sind ja üblicherweise so einiges gewohnt. Wo auch immer wir uns auf der Welt schon herumgetrieben haben, überall kamen wir mit Englisch (Gerüchte besagen, es soll sogar den einen oder anderen geben, der des Französischen mächtig ist), oder notfalls mit Händen und Füßen über die Runden. Hat man in Termez keinen Übersetzer, dann nützen einem auch die vielen „Sums“ nicht mehr, dann verhungert man vor der gedeckten Tafel. Die Kunst der Pantomime hat in diesem Zusammenhang bisweilen bei einigen unserer Kameraden schon zirkusreife Größe erreicht. Oder wie würden Sie einem russisch sprechenden Kellner, der noch nie in seinem Leben ein Wort Englisch gehört hat, klarmachen, daß Sie erstens aufgrund der kyrillischen Schrift die Karte weder entziffern, geschweige denn verstehen können, Sie aber zweitens doch gerne ein Hühnchen gebraten und nicht gekocht, dafür aber mit Pommes Frites statt Reis haben möchten.

Eine eher lustige Situation, die ihren Gegenpart aber genauso im täglichen Arbeitsleben findet. Mein großer Dank an alle professionellen Sprachmittler und sprachbegabten Amateure, ohne Euch ginge gar nichts!

Desweiteren sind da die „Vertragsmacher“ und Infrastrukturleute. Der Flugplatz Termez erwies sich am Anfang des Jahres als für unser Kommando günstig aus zwei Gründen: Die rein zivile Nutzung mit nur 2 bis 3 Flugbewegungen am Tag würde viel Platz für unseren Flugbetrieb gestatten, und natürlich die unschlagbar nahe Lage zum Einsatzgebiet mit einer Entfernung von nur ca. 250 Meilen (450 km) nach Kabul, eine Flugstrecke, die mit C-160 in etwas mehr als einer Stunde zu bewältigen ist. Nachteilig war die geringe vorhandene Infrastruktur, d.h. keinen Abstellflächen, keine Hallen, keine Lagermöglichkeiten usw. Es war und ist also viel zu tun.

Baumaschinen und Arbeiter aus ganz Usbekistan wurden nach Termez abkommandiert und verwandelten den Bereich des deutschen Kommandos, auch ohne daß der gefürchtete Sandsturm kam, in eine Staub- und Schlammwüste. Jeder Kommandoangehörige schwebte seitdem tagtäglich in der Gefahr, von einer Walze oder Bagger überrollt, und somit selbst tragender Bestandteil der neu errichteten Rampen oder renovierten Gebäude zu werden.

Ach ja, wie oben erwähnt, der Sandsturm. Mit schöner Regelmäßigkeit kommt bei entsprechender Windrichtung und Temperatur ungefähr alle zwei Wochen der „Afghane“. Und das ist weder ein Gastarbeiter von jenseits der nahen Grenze, oder ein aus Hunderennen bekannter Vierbeiner mit langer Mähne. Es ist ein Sand-, ja eigentlich ein Staubsturm, der mit Gewalt feinsten Staub in alles drückt, was sich ihm entgegenstellt. Augen, Ohren, Münder, Kleidung, Fahrzeuge, Ausrüstung. Alles erstickt nach seinem durchschnittlich zwölfstündigen Gastspiel unter einer dicken grauen Staubkruste. Etwas, was vor allem elektronische Geräte gar nicht gut verdauen.

Da der „Afghane“ so plötzlich kommt, als ob jemand einen Schalter umlegt, sollen hier auch unsere Wetterberater gesondert erwähnt werden, die sich wie zu Hause redlich mühen, in ihrer Kristallkugel Hinweise auf dieses oder auf andere bevorstehende Wetterphänomene einer Gegend zu finden, die nun mal auch in dieser Beziehung ihren eigenen Gesetzen unterliegt. Denn das Wetter ist auch ohne den Sandsturm eine entscheidende Größe im Flugbetrieb Richtung Afghanistan. Aufgrund fehlender Radarüberwachung können die Luftfahrzeugbesatzung die Strecke nur am Tage und unter Sichtflugbedingungen befliegen, denn sie müssen „own separation“, d.h. in der Regel auf Sicht Abstand zu Hindernissen und anderem Luftverkehr wahren. Und von beidem gibts es auf der Strecke nach Kabul reichlich. Alle an ISAF beteiligten Nationen fliegen Kabul mehrfach am Tage an, so daß auf dem Flugplatz reger Betrieb herrscht.Und daß wir ein auf der Strecke nach Kabul liegendes Hindernis namens Hindukusch mit Erhebungen bis über 16.000 Fuß (ca. 4.800 m) überfliegen müssen, das stand bei der Entwicklung der Transall in den 60er Jahren nicht im Lastenheft.

Umso härter wird es in den kommenden Sommermonaten, wenn Temperaturen am Boden über 40 Grad, die Leistungsfähigkeit unseres treuen, aber in die Jahre gekommenen Lastesels weiter einschränken werden.

Der dichte Flugverkehr und das gebirgige Gelände sind aber nicht die einzigen Herausforderungen des Flugbetriebes. Bei aller langsam aufkommender professionellen Routine darf man nie vergessen, Afghanistan war und ist Kriegsgebiet. Das ISAF-Mandat beschränkt sich bislang nur auf Kabul und die direkte Umgebung. Alles andere, auch die Regionen, über die die Flugroute führt, sind nicht kontrollierbar. Daher auch die Entscheidung, mit dem A-310 nicht direkt Kabul anzufliegen. Die in Termez eingesetzten Transall verfügen anders als der A-310 mit ihrer elektronischen Selbstschutzausrüstung über Sensoren, die eine Bedrohung vom Boden erkennen können. Aus diesem Grund werden auch nur besonders ausgebildete Besatzungen für diesen Einsatz eingeteilt. Die hohe Polizeipräsenz in Termez läßt übrigens nie vergessen, wie nahe man sich am Einsatzgebiet befindet.

Davon, daß der Hindukusch eine geologisch junges Gebirge ist, konnten sich die Kommandoangehörigen am 03. März am eigenen Leibe überzeugen. Wer noch nie ein Erdbeben mitgemacht hat (der Autor inklusive), dem wurde es doch recht mulmig zumute.

Spätestens als der Boden anfing derart zu schaukeln, daß man es nicht mehr auf eine Täuschung der eigenen Sinne schieben konnte. Nach Bekunden der Einheimischen war dies eines der häufigen, aber gleichzeitig ein ungewöhnlich schweres Erdbeben.

Mit einem Epizentrum in der Nähe Kabuls und einem Wert von über 7 auf der Richterskala soll es eines der heftigsten der letzten zehn Jahre gewesen sein. Zum Glück waren außer der verständlicherweise leicht angekratzten Moral (auch hier der Autor inklusive) und abgeplatztem Putz im Hotel keine Schäden zu verzeichnen. Unerklärlich, daß das Erdbeben, das ein paar Wochen später viele hundert Todesopfer in Nordafghanistan forderte, und dessen Epizentrum viel näher lag, in Termez zwar deutlich, aber weit weniger besorgniserregend zu spüren war. Für die Unterstützung der Opfer dieses Erdbebens wurden übrigens einige Hilfsflüge von Termez aus unternommen. Ein Geschehnis, das alle in Termez unmittelbar betroffen und uns alle tief bewegt hat, war der tragische Explosionsunfall in Kabul am 06. März. Ich möchte auf diesem Wege meinen persönlichen Dank allen sagen, die es trotz den aus vielen Gründen widrigsten Umstände möglich gemacht haben, die verletzten deutschen und dänischen Kameraden in einem höchst anspruchsvollen MedEvac-Einsatz mit einer unserer C-160 aus Kabul abzuholen, um sie mit dem in Termez wartenden A-310 zur klinischen Versorgung nach Deutschland zu bringen. Meine Hochachtung gilt all denen, die dies in der Luft, egal ob Flieger, Arzt oder Sanitäter, und am Boden, ob Techniker, Kraftfahrer, Übersetzer oder sonstiges, in einer einzigartigen Teamleistung möglich gemacht haben.

Wie bedrückend dagegen der Augenblick war, als wenige Tage später bei gar nicht dazu passendem Sonnenschein, die sterblichen Überreste der zwei deutschen und drei dänischen Opfer des Unfalls in einer C-160 aus Kabul auf dem Flughafen Termez ankamen, kann man mit Worten kaum schildern. In absoluter Stille wurden die Särge jeweils von sechs Soldaten des Kommandos getragen und vom angetretenen gesamten Kommandopersonal mit militärischem Respekt begleitet in den bereitstehenden A-310 für den Rückflug nach Deutschland überführt. Bei allem notwendigen Training und Bereitschaft, mögen uns solche Einsätze in Zukunft erspart bleiben.

Was uns nicht erspart bleiben wird, ist wahrscheinlich ein längerer Bestand des Kommandos in Termez, da man nicht nur nach Bekunden der bereits in Termez und Kabul gewesenen hochrangigen Persönlichkeiten aus Politik und Militär, sondern auch aus der Erfahrung unseres Engagements in anderen Krisenregionen davon ausgehen kann, daß das politische Mandat für diesen Einsatz verlängert wird.

Ein Einsatz,der besondere Herausforderungen an jeden von uns stellt, von denen die oben aufgeführten nur eine ersten Einblick eröffnen. Aber auch viel Neues und Schönes haben wir schon kennengelernt und werden wir noch kennenlernen. So zum Beispiel, daß Usbekistan - Hand aufs Herz, wer wußte vor diesem Januar eigentlich genau wo das liegt ? - ein Land unglaublich netter Menschen mit einer großartigen Gastfreundschaft ist. Daß man dort trotz dem nicht mit Europa vergleichbaren Lebensstandard stolz auf die erst gut 10 Jahre währende Souveränität ist und man alles tut, um das Land wirtschaftlich aufzubauen. Daß man stolz und erwartungsvoll ist, weil die Deutschen Termez als Ihrent ausgewählt haben. Daß man dort das Gold im Mund trägt und es gerne zeigt, denn viel Reden und viel Lachen gehört zur Kultur. Eine Kultur, die älter ist als unsere. Ende März feierte Termez mit einem rauschenden Fest inklusive großem Feuerwerk sein 2.500 jähriges Bestehen als Stadt.

Schön, wenn sich zwei Kulturen einmal nicht im Museum, sondern auf „freier Wildbahn“ begegnen. Für die usbekische Seite sind dabei übrigens Sauerbraten, Rotkohl und handgemachte Knödel genauso exotisch wie für uns die zahlreichen Spezialitäten des Landes, an deren Geschmack ich mich besser erinnere, als an deren Namen.Nur die Wirkung des bayerischen (Stark-)Bieres, vom damaligen Kommandoführer, Herrn Oberst Daniel, Kommodore LTG 61, den ich an dieser Stelle besonders grüßen möchte, anläßlich eines deutsch-usbekischen Abends Anfang März extra aus Landsberg eingeflogen, wurde von usbekischer Seite gelinde gesagt ... unterschätzt.

Eine Hand voll Sum hat wohl jeder noch, der aus Termez zurückkehrt. Die, die nicht mehr hinuntergehen, heben die Sums auf, als Andenken an eine interessante Zeit. Wir anderen haben dazugelernt, und nehmen das nächste Mal in Termez ein größeres Portemonnaie mit zum Essen für die vielen Sums. Dann klappts auch mit dem satt werden.