Sabiha Gökcen- "Überleben Polar" am Bosporus
1./ LTG 63 in Einsatz Enduring Freedom

Artikelauswahl

 

Major Christian Leitges

Lieber Leser, waren Sie schon einmal in einer Situation, in der Sie das Gefühl beschlich, nie mehr anzukommen? Dieses Gefühl stellte sich bei einigen Angehörigen der 1./LTG 63 am 04. Januar diesen Jahres ein. Sie fragen sich sicherlich, was so ein Gefühl auslösen kann? Zum Beispiel Autos, die Ihnen dichtgedrängt auf der Autobahn entgegenkommen. Unmöglich? In Deutschland sicherlich. Nicht unbedingt in der Türkei, wie wir vor ein paar Wochen feststellen konnten.

Aber zunächst chronologisch. Ab Mitte November letzten Jahres unterstützt die deutsche Luftwaffe die amerikanischen Streitkräfte bei der Operation „Enduring Freedom“, der Reaktion auf die Terroranschläge des 11. September 2001. Zu diesem Zweck wurde von unserem Schwesterverband LTG 62 in Istanbul ein Lufttransportstützpunkt eingerichtet. Die Idee dabei war, zur Entlastung der US Air Force Materialtransport für die amerikanischen Streitkräfte von Ramstein, dem Hauptumschlagpunkt der amerikanischen Luftwaffe in Mitteleuropa, nach Incirlik in die Südosttürkei durchzuführen. Von dort wurde das Material wieder von der US Air Force übernommen und in das Einsatzgebiet, also nach Zentralasien und Afghanistan gebracht. Da die Strecke von Ramstein nach Incirlik mit der C-160 ca. 7 Flugstunden erfordert und ein Hin- und Rückflug somit innerhalb der zulässigen Flugdienst- und Ruhezeiten nicht machbar war, hatte man sich entschlossen, Istanbul als Drehscheibe für diese Route zu benutzen. Bei der Stationierung von neun Besatzungen in Istanbul, sechs davon vom LTG 62, drei vom LTG 63, sollten drei Besatzungen jeweils am späten Nachmittag von Istanbul nach Ramstein starten, dort Ladung aufnehmen und nach Istanbul zurückkehren.

Andere Besatzungen würden dann dort bereitstehen, um von den dann zeitmäßig „abgeflogenen“ Crews das Luftfahrzeug samt Ladung zu übernehmen, nach Incirlik zu fliegen, dort zu entladen und nach Istanbul zurückzukehren.

In Istanbul wurden zu diesem Zweck auf dem noch recht neuen Flugplatz „Sabiha Gökcen“ insgesamt fünf Transall stationiert. Der hervorragend ausgestattete Flugplatz ist übrigens nach der ersten weiblichen türkischen Militärpilotin benannt worden, woran wieder einmal bewußt wird, daß die Bundeswehr auf diesem Feld noch Aufholarbeit zu leisten hat. Um auf Dauer einen Lufttransportstützpunkt betreiben zu können, ist aber weit mehr nötig als Besatzungen und Luftfahrzeuge. Personal und Material zur technischen Betreuung, Fernmeldeeinrichtungen, medizinische Versorgung, Truppenverwaltung et cetera et cetera waren unterzubringen. Alles in allem ca. 100 Soldaten und Zivilisten, sowie Millionenwerte an Material. Dies alles fand in Sabiha Gökcen gute infrastrukturelle Möglichkeiten vor. Da der Flugplatz aber nicht nur etwas außerhalb der Metropole, sondern auch noch auf der asiatischen Seite des Bosporus liegt, die Hotelunterkunft des Kommandos aber auf der europäischen Seite, waren nicht nur jeweils ca. 40 Kilometer zurückzulegen, sondern auch das Nadelöhr der Bosporus-Brücken. Die Organisation des Personaltransports vom Hotel zum Flugplatz war übrigens wie alles vom LTG 62 bestens organisiert und klappte meistens reibungslos. Aber eben nur meistens, aber dazu wie gesagt später

Am 25. und 26. November waren die ersten Besatzungen des LTG 63 unter großem Medieninteresse von Funk und Fernsehen nach Istanbul aufgebrochen. Wie lange das Kommando aufrecht zu erhalten war, lag zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest, auf jeden Fall mußten aber Weihnachten und Silvester 2001 vor Ort verbracht werden. Über den Jahreswechsel nahm übrigens auch unser Kommodore, Herr Oberst Miunske als Besatzungsmitglied an diesem Einsatz teil, wobei wir am Silvesterabend ganz hautnah von ihm erfahren durften, wie wichtig Beu-h-rteilungen (kein Schreibfehler) und die jeweils zum Anlaß passenden Kopfbedeckungen sind (der Leser möge mir diese „Insider“-Anspielungen verzeihen, wer dabei war wird´s verstehen!). Vielen Dank übrigens an unsere Kameraden vom LTG 62, die die Silvesterfeier überaus stimmungsreich und stilecht in einem türkischen Restaurant organisiert hatten!

Kalt war es schon die ganze Zeit gewesen, aber kurz nach Silvester passierte es dann: Schnee, Schnee und nochmals Schnee. Unsere Besatzung war am Vortag gegen 16:00 Uhr vom Hotel Richtung Sabiha Gökcen abgefahren. Auf dem knapp fünfstündigen Flug mit starkem Gegenwind zogen 20.000 Fuß unter uns Bulgarien, Rumänien, Ungarn, die Slowakei und Tschechien hindurch, bis wir in dieser sternenklaren Nacht schon aus über 100 Kilometer Entfernung die Lichter von Frankfurt und Ramstein sahen. Nach der Landung in Ramstein begrüßte uns dickvermummt wegen der draußen herrschenden minus 10 Grad das unermüdliche Luftumschlag- personal des LTG 63 und die Kommandoführung aus Ramstein. Die Ladung bestand aus 8 Tonnen Verpflegungsrationen für Afghanistan. Nach dem Start ging es diesmal mit Rückenwind etwas schneller zurück nach Istanbul. Trotzdem, als wir zur Landung ansetzten, graute schon der Morgen über dem Bosporus. „Abgeflogen“ und ganz einfach müde nach der langen Nacht ließen wir vier uns nach den Formalitäten am Flugplatz in den Kleinbus Richtung Hotel fallen, die gute halbe Stunde bis zum Hotel würden wir auch noch schaffen.

Nachdem das Wetter am Flugplatz noch verhältnismäßig gut war, ging nach ein paar Kilometern Fahrt bildlich gesprochen die Welt unter. Der Bus schlingerte, die Räder drehten durch, hinter den beschlagenen Fenstern nur noch Schneechaos. Und dann standen wir. Wie am Anfang des Artikels schon berichtet: auf der Autobahn, die uns über den Bosporus bringen sollte, kam uns massenweise Verkehr entgegen.

Die Brücken waren anscheinend gesperrt. Um sich nicht weiter in Details zu verlieren: Es herrschte das absolute Chaos. Fasziniert stellten wir zwei Dinge fest. Erstens: Fast jeder türkische Autofahrer hat Schneeketten dabei. Zweitens: Praktisch keiner weiß, wie man sie anlegt. Auch bei unserem türkischen Fahrer beobachteten wir beide Phänomene. Aber fast sprichwörtlich: wir saßen zwar nicht alle in einem Boot, aber in einem Bus. Also stiegen wir aus, halfen so gut wir konnten unserem verzweifelten Fahrer mit den Schneeketten und schoben mehr unseren Bus zum Hotel, als daß wir in ihm fuhren. Zur Ehrenrettung unserer türkischen Verbündeten: bei diesen Wetterverhältnissen hätte auch jegliche deutsche Verkehrsordnung versagt! Nach knapp vier Stunden wurde dann dennoch das Wunder war: wir kamen am Hotel an. In den nächsten Tagen blieb die Lage unverändert, es schneite ununterbrochen. Wie wir aus den Medien erfuhren, waren es im Mittelmeerraum die schlimmsten Schneefälle seit 50 Jahren. Der Flugbetrieb mußte vorerst eingestellt werden. Inzwischen wurden die ersten Vorauskommandos der Bundeswehr nach Kabul verlegt, die Operation ISAF warf ihre Schatten voraus.

Am 09. Januar fiel daher in Absprache mit den Amerikanern die Entscheidung, den Lufttransportstützpunkt Istanbul wegen der anstehenden Unterstützung der deutschen Kräfte in Afghanistan aufzulösen. In Usbekistan an der Grenze Afghanistans, ist ein neuer Stützpunkt einzurichten. Am 10. Januar verlegten wir nach Hohn zurück. Ciao Sabiha, wir sehen uns in Termez.