Einmal Amerika und zurück
 

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Autor: Hauptfeldwebel Michael Stark

Washington bei Nacht

Es war Samstag, der 01. September 2001, 07:00 Uhr lokal. Die Transall-Crew (Kommandant Major Olschinski, Copilot Oberleutnant Meyer, Copilot Oberleutnant Schönnagel, Bord­mech­ani­ker­meister Stabsfeldwebel Burmeester, Ladungsmeister Stabsfeldwebel Haut, Ladungsmeister Haupt­­feldwebel Stark und 1. Wart Oberfeldwebel Bielfeldt) war pünktlich und frohen Mutes. Die Maschine war okay und so starteten wir von Hohn aus über Köln in Rich­tung Keflavik. Ziel des Fluges: die USA.

5:50 Std nach dem Start in Köln: Island in Sicht. Nach der Übernachtung sollte uns der nächste Tag nach Goose Bay, Labrador, bringen. Heftiger Gegenwind warf diesen Plan jedoch um und so bekamen wir die Genehmigung nach St. John´s, Neufundland, zu fliegen, wo wir nach 07:20 Std Flugzeit endlich ankamen.

Am nächsten Tag ging es ohne Probleme weiter nach Washington, wo wir unseren ersten Stehtag genießen durften. Die Wetterlage war traumhaft, 27° C und blauer Himmel. Einer unsere Copiloten, noch ohne DC Erfahrung, absolvierte den obligatorischen Sightseeing-Catwalk, der Rest der Crew machte entweder einen Einkaufs-Bummel oder nahm das Wort „Ruhezeit“ wörtlich. Am nächsten Tag ging es früh zum Airport. Gepäck verladen und Begrüßung der 65 Passagiere von der Führungsakademie der Bundeswehr, die mit A-310 aus Köln angereist waren und für deren US-Ausbildungsreise unsere Transall ab Washington bereitgestellt wurde. Der geplante Flugverlauf sah für die weitere Route in den USA u.a. Nor­folk, Pope AFB, New York, St.Louis, Kansas City, Colorado Springs und El Paso vor.

E S B

Der Flug bis Pope AFB verlief ohne nennenswerte Probleme. Endlich war es soweit, wir befanden uns auf dem Weg nach NEW YORK. Diesige Luft nahm uns beim Anflug etwas von der Sicht, doch konnte man erahnen, dass uns hier etwas Einmaliges erwartete.

Mit einem standesgemäßen Gefährt wurden wir nach Manhatten ins Hotel gebracht. New York ist tatsächlich so, wie man es aus Filmen kennt. Viele viele gelbe Autos (Yellow Cab´s, d.h. Taxis), Straßen verstopft, Hupkonzerte ohne Ende und sehr viele Touristen. Erste Station für uns war das Empire State Building. Auf der Plattform angekommen erwartete uns ein faszinierender Blick über New York. Was würde uns erst auf dem World Trade Center erwarten?

Am folgenden Tag sollten wir es erfahren. Die Metro hielt direkt am „WTC“, so dass wir nur die Treppe hoch mussten, über einen kleinen Platz mit einem tollen Brunnen und wieder einmal waren wir einfach nur beeindruckt. Wollte man zur Spitze gucken, wäre man unweigerlich umgekippt. Fotografieren war also nur in Rückenlage möglich. Nach den obligatorischen Shootings ging es dann endlich hinein. Hinauf in den 107 Stock, dann noch zwei Rolltreppen hoch und schon waren wir da. Dieser Ausblick nach allen Richtungen wird wohl unvergesslich bleiben. Auf der anschließenden Fahrt zur Freiheitsstatue kam die Skyline Manhattens voll zur Geltung. Sie lässt einen nicht mehr los.

Besatzung beim Frühstück

Am nächsten Tag ging es weiter nach St. Louis. Die Departure ließ noch einen letzten Blick auf New York, diese wohl einzigartige Stadt, zu. Ein bisschen Wehmut lag wohl schon in einigen Blicken.

Am nächsten Morgen dann die Nachricht: unsere Maschine wurde aufgrund einer Anweisung aus Deutschland aus technischen Gründen für den Weiterflug gesperrt. Na gut, Hilfe aus Goose-Bay war unterwegs. Die Lageänderung sah vor, die Maschinen umzurüsten, so dass wir mit der anderen Maschine unseren Auftrag fortführen konnten. Da dieses Unterfangen länger dauern würde, wurden die Passagiere informiert. Diese beschlossen dann mit Bussen nach Kansas zu fahren, wo wir sie baldmöglichst wieder abholen sollten.

Am nächsten Tag, es war der 11. September 2001, wollten wir uns eigentlich um 08:30 Uhr treffen. Doch keiner konnte so richtig realisieren, was man kurz vorher im Fernsehen erlebt hatte. Das war doch wohl ein schlecht gemachter Film, oder? Dort wo wir 3 Tage zuvor noch einen tollen Ausblick genossen haben, ist mit einem mal ein Horrorszenario zu beobachten. Schnell war die Rede von Attentaten, denn ein Ereignis folgte jetzt dem nächsten. Eine zweite Maschine schlug in das World Trade Center ein, eine Maschine ins Pentagon, eine weitere stürzte in Pennsylvania ab.

Was war hier nur los? Tieferschüttert und fassungslos mussten wir mit ansehen, wie das totale Chaos ausbrach. Was sind das für Menschen, die zu so etwas fähig sind? Sofort erinnerten wir uns an die Menschen, mit denen wir drei Tage vorher noch herumgealbert haben. Das nette Personal in den Fahrstühlen, die niedliche Dame aus dem Souveniershop. Was mochte mit ihnen geschehen sein?

Aber auch die Frage, was ist zu Hause los, wussten alle Bescheid wo wir waren und das wir in Sicherheit waren? Schließlich waren die letzten Telefonate nach Hause alle aus New York geführt worden. Verzweifelt versuchten wir unsere Familien zu erreichen, aber nichts ging. Alle Leitungen waren überlastet.

Endlich, nach ca. 40 Versuchen, kam ich durch. Meine Frau war völlig aufgelöst und so wurde es eine kurze Konversation „Hallo Schatz, wir sind in St. Louis, uns allen geht es den Umständen entsprechend gut, Ich liebe Euch! Rufe wieder an, okay?“.

Die Skyline von Saint Louis "Gate to the West"

Mit tausend wirren Gedanken und etlichen Diskussionen verbrachten wir auch den nächsten Tag in St. Louis. Die amerikanische Luftfahrtbehörde hatte logischerweise ein Flugverbot in der gesamten USA erlassen. Also nutzten wir den Tag damit, unsere Flugzeuge herzurichten. Die Umrüsterei ging verhältnismäßig schnell vonstatten und wir kamen während der Arbeit zum Glück auf andere Gedanken.

Am 13. September 2001 ging es nach einigem Hin und Her dann endlich wieder los, weg aus St. Louis und über Kansas, anders als ursprünglich geplant, zurück nach Washington, wo wir die Passagiere wieder verabschiedeten, die ihr Besuchsprogramm aufgrund der Geschehnisse vorzeitig abgebrochen hatten. Das Pentagon konnten wir im Anflug auf Washington nicht sehen und wir waren uns auch nicht sicher, ob wir das überhaupt wollten.

Der Weiterflug nach Goose Bay führte uns an New York vorbei. Flight Level 170, klare Sicht. Eine F 16 kam uns entgegen. Passte der Flugweg, stimmte der Squawk? Sie flog vorbei, wollte wohl nur Präsenz zeigen. Wir beobachteten, dass es in Manhatten fünf Tage nach dem Attentat immer noch rauchte. Die Gedanken kamen wieder hoch.

Die beste Ablenkung ist und bleibt aber die Arbeit. Zwischendurch musste nämlich auch noch genäht und gewerkelt werden. Aus zwei Hauptfeldwebel- und zwei Oberfeldwebel-Schulterklappen wurden in mühevoller Feinarbeit zwei Oberstabsfeldwebel-Klappen gebastelt. Zeitgleich wurde im Malkurs nebenan eine Urkunde angefertigt, um beides am Ende einem sehr verdienten Kameraden zu überreichen. Dieser Flug war nämlich Stabsfeldwebel Werner Hauts letzter Flug, den er so schnell wohl nicht vergessen wird. In Goose Bay dann der Höhepunkt, die Ernennung zum Oberstabsfeldwebel h.c. (ehrenhalber).

Lieber Werner, lass dir auf diesem Wege sagen, es hat uns allen sehr viel Spaß gemacht. Ich habe erste Flugerfahrungen unter deiner Regie sam­meln können. Viel gelernt, nicht nur Fliegerisches. Uns wirst du jedenfalls immer in guter Erinnerung bleiben. Danke für alles und für deine Zukunft wünsche wir dir alles Gute und ein langes, gesundes, glückliches Leben. Der weitere Rückflug verlief reibungslos, so dass wir verzugslos in Richtung Heimat vorankamen. Nach der Ankunft in Hohn wurden die Handies eingeschaltet und die Ehefrauen kamen uns abholen. Ein “After-Landing Beer“ war natürlich auch noch drin, so konnten wir uns in Ruhe voneinander verabschieden. Alles in allem waren es viele Eindrücke, von denen wir wohl noch lange sprechen werden.

Vielen Dank an alle Beteiligten.