Las Vegas - it's Magic!
 

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Autor: Hauptmann Danilo Fritsch

Magic, this is KRAIT 54 (das ist das Rufzeichen unserer C-160 Transall), checking in as fragged. " KRAIT 54, parrot sweet."

Wir sind im RedFlag-Szenario. Vor 2 Tagen hat Red –Land , Blau- Land angegriffen.

Dann ging alles sehr schnell. Wir erhielten den Auftrag , hinter der FLOT (Forward Line Of Own Troups =Front/Position der eigenen Truppen) Material abzusetzen. Also los ging´s : ATO (Air Task Order =Einsatzauftrag ) lesen, Briefing, ACO (Airspace Coordination Order =spezielle Luftraumstruktur im Verteidigungsfall) studieren, wieder briefen, SPINS (Special Instructions = Weiterführende Anweisungen ) einsehen, Pause , Karten studieren, Briefing, S-2 befragen , Mass- Briefing, Essen.

Die Hohner Besatzung bei RED FLAG in Nellis, USA

Wir befinden uns in einem Holding , östlich unseres Pushpoints (festgelegter Punkt der als Ablauflinie genutzt wird). 3 Transall, zusammen mit zwei C-17 Globemaster und einer C- 141 Starlifter. Zeit zum Sammeln und nachdenken. Alles lief nach Plan. Wir hatten Kontakt zu AWACS (Airborne Warning and Controll System = fliegende Plattform zur Überwachung des Einsatzgebietes). Der Test unserer ELOKA- Anlage lief ohne Probleme. Tief durchatmen. Wird schon schief gehen.

„ KRAIT 54, Magic,bandit,bullseye, 070, 50, medium." „ KRAIT 54 , copied". Es wurde langsam ernst. Erste feindliche Aktivitäten wurden von AWACS gemeldet. Ich dachte: „Wie gut, daß es diese fliegende Plattform gibt, die ein genaues Radarbild vom Einsatzgebiet und dem Luftraum hat". Wir hatten noch 5 Minuten bis zum Einflug in das Übungsgebiet . Also, Checkliste raus. ELOKA- Systeme hochfahren. Radarwarner (RWR) einschalten. EWMS (Electronic Warfare Management System) ein. Wir haben Chaff (kleine Metallstreifen die ein Radarziel vortäuschen sollen) an Bord zum Schutz gegen feindliche Radarsysteme. Nur keinen Fehler machen. Lieber alles doppelt überprüfen. Ein frühzeitiger Ausschuss wäre peinlich. Der Kippschalter für den Notabwurf der Chaff-Kartuschen ist aus. Gut so. Anlage einschalten. Das System ist scharf. Alles glatt gegangen. Es kann los gehen.

5 Tage früher, es ist Donnerstag der 15. März 2001, früh am Morgen. 3 Besatzungen treffen sich in Hohn bei der Passagierabfertigung. Außerdem gehören zu uns 2 Plotter, 1 S-2 und ein „Austausch-Prüfer". Die Stimmung ist gut. Kunststück , es geht ja auch nach Las Vegas. Wir sollen und wollen an Red Flag 01-03 teilnehmen. Was wird uns erwarten? Sind wir gut vorbereitet ? Werden wir eine Chance haben ?

Eine Transall bringt uns nach Köln. Es ist kalt und bewölkt. Typisches Deutschlandwetter. Dort steht schon ein Airbus bereit. In Köln treffen wir die Kameraden aus Büchel vom JaBoG 33. Auch sie wollen an der Hochwertausbildung in Nellis AFB teilnehmen. Der Kampf geht los. 9 Stunden Flug liegen vor uns.

Zwischenstopp in Washington. Es regnet. Der Zoll ist gnädig. Wir haben keine Drogen und kein MKS- verseuchtes Fleisch im Gepäck. Weiter nach Las Vegas. Es ist warm und sehr angenehm.

Aber das war vor 5 Tagen. Wir erreichen unseren Pushpoint zur vorgegebenen Zeit. Noch ist alles sehr ruhig. Verdächtig. Unser Plotting-Team hat uns 2 Minuten extra in die Strecke eingebaut. Das heißt wir haben genug Zeit um irgendwelchen Radarsystemen oder feindlichen Flugzeugen auszuweichen und doch noch rechtzeitig am Absetzplatz anzukommen. "Gut so" denke ich. Eine Sorge weniger. Vor uns liegt eine lange, flache Ebene. Nur schnell rüber. Hier gibt es nicht´s zu verstecken. Keine Berge. Keine Täler, gar nicht´s. Also Geschwindigkeit erhöhen und runter auf 100 Fuß (30m). Der RWR schweigt. Scheint zu funktionieren. Doch wir sind zu schnell, 230 Kts. Wieder 1 Minute gewonnen. Das ist schlecht. Also runter mit der Geschwindigkeit. Die Berge bieten jetzt guten Schutz.

Nun meldet sich der RWR doch zu Wort. Ich erhalte mehrere Anzeigen von feindlichen Flugzeugen oder sind das unsere? Schwer zu sagen wenn beide Seiten mit dem Kampfflugzeug F-16 fliegen. AWACS schweigt. Der Ladungsmeister meldet: „Bogey, 9 Uhr, gleiche Höhe.". 4 F-16 imVorbeiflug. Das sind Verbündete. Sie sollen gegnerische Radarstellungen bekämpfen. Viel Glück Jungs. Wir sind immer noch gut in der Zeit. Zu gut.

"KRAIT 54, Magic, bandit 6 o´clock, high." Verdammt. Jetzt zeigt der RWR das selbe an. Ein TORNADO F-3 Kampfflugzeug sitzt uns im Rücken. Das heißt nicht´s Gutes. Der Copilot versucht ihn zu finden. Da, ein kleiner Punkt am Himmel, wird schnell größer. „Break right". Der TORNADO mischt die ganze Formation auf. Jeder versucht Ausweichmanöver zu fliegen. „Break left". Die Fliehkräfte pressen uns in unsere Sitze. Wir sind in seinem Visier. Er hat uns. „Chaff". Ich schieße ein Paar von den kleinen Freunden aus. Es hilft. Wo sind die anderen? Was macht die Zeit? Wir haben noch eine Minute. Dann muss es weitergehen um die Zeit zum Absetzen zu halten. „ Magic, Krait 53, defending." Die zweite Maschine setzt einen Hilferuf an AWACS ab, daß wir uns in einer Verteidigungssituation befinden. Danke. Und wieder ein aggressives Manöver nach rechts. Du holst uns nicht vom Himmel. Wir haben noch 30 Sekunden Zeit. Das darf doch nicht wahr sein.

Plötzlich ist Ruhe. Sind wir tot? Hat er uns abgeschossen ? Die Zeit ist um. Wir waren zu früh und ohne Schutz. Leichte Beute. (Aber es hat Spaß gemacht) Nur das Schlimmste kommt noch.

Die Wärme tut richtig gut, nach dem schlechten Wetter in Deutschland. Wir treffen uns zuerst im Hotel auf ein Bier und erhalten erste wichtige Info´s. Wie sehen die nächsten Tage aus? Wann beginnen die ersten Briefings? Wo ist was? Wie komme ich wo hin? Wer macht was?

Am Samstag heißt es dann umziehen und die Crew- Busse empfangen. Wir ziehen in das Hotel Mardi Gras.

Die Busse sind sehr geräumig mit allen Extras und die Zimmer sind zwar hellhörig, aber absolut ok. Amerikanischer Standard. Am Sonntag soll es losgehen. Also vorher noch mal die Stadt unsicher machen.

Las Vegas, der helle Wahnsinn, bunt, schrill, total verrückt und abgedreht. Hier liegt Reichtum, Spielsucht und Armut so dicht beieinander. Was soll´s. Es dauert 5 Minuten und die ersten 10 $ sind weg. OK, dann halt kein Reichtum ,denke ich. Und auf Spielsucht und Armut habe ich keine Lust. Also Schluss. Doch da gibt es noch mehr. Achterbahn, Big Shot, Wasserspiele nach klassischer Musik, künstlicher Vulkan oder Piratenschlacht.

Wer denkt sich so was aus? Wer hat das Geld dafür? Aber es scheint sich ja zu lohnen.

Sonntag 18. März 2001, es geht los. Wir erreichen Nellis AFB. Der Tag bringt viel Arbeit. Der Flug für den Montag muss vorbereitet werden. Das Plotting –Team ( Olt Freiberg und Olt Breuer ) macht sich an die Arbeit. Der S- 2 ( Hptm Wüsteney ) arbeitet sich gut ein. Alle 3 machen eine gute Figur, treffen Absprachen , nehmen an vielen Briefings teil, planen, reden mit anderen Crews und dem Mission Commander ( Einsatzleiter), planen um... . Gut gemacht. Danke. Es muss viel gelesen werden um zu wissen was man darf und was nicht. Dann ein Briefing nach dem anderen. Jeder stellt sich vor und begrüßt uns. Moderne Technik steht uns zur Verfügung . Wir nehmen am Briefing über eine Konferenzschaltung teil in Bild und Ton. Leider ist alles schlecht zu verstehen. Kleine technische Probleme. Das Englisch der Amerikaner ist auch viel zu schnell und undeutlich. Aber wir schaffen es, bekommen das Wichtigste mit. Zur Strafe dürfen wir einen Englischtest machen. Nachdem es Probleme mit den Englischkenntnissen anderer Nationen gab, war das wohl eine logische Schlussfolgerung. Aber die betroffenen Nationen nahmen nicht am Test teil, der Test war nur für Deutsche und hatte mit Luftfahrtenglisch rein gar nicht´s zu tun. Aber alle haben bestanden. Das baut auf. Danach heisst es wieder Briefing. Die Rede ist von No FRAD´s und SA. Aha. Der Englischtest hilft nicht wirklich. Aber zurück zu unserer Mission.

X-8. Noch 8 Minuten bis zum Drop. Durch eine Abkürzung in der Route haben wir wieder 2 Minuten gewonnen.

Verdammt. Das ist in der Hitze des Gefechtes untergegangen. Darf aber nicht passieren. Jetzt ist es zu spät.

Der RWR meldet sich wieder Sa-2, 2 Uhr und ein HAWK - Waffensystem auf 4 Uhr. Wir versuchen Ausweichmanöver zu fliegen. In den Bergen nicht immer einfach.

Ich schieße erneut Täuschkörper aus. Wir sind viel zu tief für eine SA-2, aber HAWK ärgert uns immer noch. Da kommt der rettende Berg. Ruhe. X-3. Wir sind zu früh. 5,4,3,2,1,Go. Last rollt. Last ist abgesetzt. Jetzt aber zügig Tore zu, Fahrt aufholen und wieder runter. Der RWR weiß gar nicht was er zuerst anzeigen soll. SA-3, SA-2, HAWK, ZSU-23, Mig-29 und die gute alte SA-8 sagt auch „ Hallo". Wir geben unser Bestes. Ab hinter den nächsten Hügel. Nur noch nach Hause. Rakete von links. Der MAW ( Missile Aproach Warner) und die Anzeigeleuchte MISSILE sowie die akustische Warnung erwachen aus ihrem Schlaf. "Break left". Vorbei. Glück gehabt.

Nach einer Woche merkt man jedem an, dass die letzten Tage anstrengend waren. Jeder freut sich auf das Wochenende. Leider wurde das Wochenende sowie die darauffolgende Woche von dem Absturz eines deutschen Tornados überschattet. Dabei kamen die beiden Kameraden vom JaBoG 33 ums Leben. Nach einem kurzen Briefing des Kommodores JaBoG 33 über den Zwischenfall legten wir eine Schweigeminute zu Ehren der Crew ein.

Die nächste Woche wurde wieder intensiv genutzt um unsere Überlebensfähigkeiten zu trainieren. Die Arbeit mit der ELOKA-Anlage oder Have Quick (Anlage zum verschlüsseln von den Funksprüchen) gingen immer besser von der Hand. Die Selbstsicherheit wurde größer. Wir merkten, wir hatten eine Chance. In den Debriefings und in Gesprächen mit anderen Crews sahen wir, es ist nicht leicht eine Transall abzuschießen. Ein aufgeschaltetes Radargerät bedeutet nicht zwangsläufig abgeschossen zu werden. Auch der Umgang mit Einheiten wie AWACS wurde leichter.

Nur der Umgang mit ATC ( Air Traffic Control = Flugverkehrskontrolle) gestaltete sich immer wieder als schwierig. Irgendwie passten die Heavy´s (Transall, C-17, C-141) nie ganz in´s Konzept der Controller.

Unsere 3 Flugzeuge machten uns wenig Ärger. Es gab wenig Störungen, diese wurden aber zügig und motiviert von der Technik LTG 62/63 repariert. Danke auch in diese Richtung.

Unsere Crew durfte auch die Erfahrung machen, die Aufgaben eines Package Commanders (dieser führt eine bestimmte Anzahl von Flugzeugen die den selben Auftrag haben) zu übernehmen.

Die Eingliederung von langsamen Flugzeugen in ein Szenario mit überwiegend schnellen Jets ist gar nicht so einfach. Dabei zu sehen was die verschiedenen Waffensysteme können und was nicht, ist sehr interessant. Aber mit Hilfe aller schafften wir auch das.

Abschließend bleibt zu sagen, es hat uns viel gebracht. Wir haben alte, bewährte Verfahren geübt und gefestigt, wir haben viel Neues dazu gelernt, wir haben nette Leute kennen gelernt und viel Spaß gehabt.

Am 31. März 2001 stand der Luftwaffen-Airbus in Las Vegas bereit für den Rückflug. Bis zum nächsten Mal.

„ Magic, KRAIT 54, checking out."